Der innere Arzt

Glaube ist die Substanz des Gewünschten. Wenn wir im Geiste ein Idealbild unseres Selbst tragen, das uns blühend, geschmeidig, stark und vollkommen dem inneren Auge zeigt, so setzen wir damit jene Kräfte in Bewegung, die uns in Wirklichkeit dazu machen.

Wir konstruieren gleichsam aus unsichtbarer Gedankensubstanz ein spirituelles „Ich“ (das gesunde, schone Ich der Zuversicht); dieses spirituelle Ich wird mit der Zeit den Leib beherrschen, seine Zellen umformen und wirklich werden. Wer eine schlechte Lunge hat, schlechte Zirkulation, irgend einen organischen Defekt, muss sich aufs äußerste dagegen sträuben, gerade das geschwächte Organ immer als krank und schonungsbedürftig im Bewusstsein herumzuschleppen. Sieh dich nie als Patient zwischen aufgestapelten Kissen ans Bett gefesselt, und sollte es auch zur Zeit der Fall sein! Wer sich tennisspielend oder im Wettlauf sieht, arbeitet damit an seiner Genesung.

Erwarte nie Krankheit oder Schmerzen für morgen, mögen Krankheit oder Schmerzen heute noch so arg gewesen sein, für morgen erwarte nur Gesundheit und Kraft. Mit anderen Worten: Gesundheit, Schönheit und Kraft müssen zum wahren Tagestraum werden, denn Traum drückt weit besser den richtigen Gemütszustand aus als Hoffnung und Erwartung.

Träumer vollbringen weit mehr, als die Welt ahnt. Der Wachtraum des Menschen, der versunken das Treiben um sich her vergisst, ist eine Gewalt, die Taten wirkt, in einem mächtigen und unsichtbaren Reich, das noch von wenigen erforscht ist. Und auch denen, die ihr Bewusstsein so vom Leibe lösen, dass sie ihn für Augenblicke vergessen, fehlt heute noch das Wissen um die Gewalt, die sie da üben, — das Wissen um die Wirkung dieser Gewalt; und so müssen ihnen die besten Resultate verloren gehen.

Wer nichts vom Goldgraben versteht oder von den Bedingungen, unter denen Gold vorkommt, oder von den Methoden, es zu gewinnen, kann in dem reichsten goldführenden Boden monatelang graben und damit Löcher zuschütten oder Wälle aufbauen! Ohne Wissen um den Schatz unserer Erde sind wir arm und machtlos wie zuvor.   Ebenso ist es in geistiger Hinsicht.

Jede Imagination ist eine unsichtbare Realität; und je länger, je intensiver sie festgehalten wird, desto mehr von ihr wird sich in jene Form des Seins umsetzen, die man fühlen, sehen, berühren, kurz, mit den äußeren Sinnen wahrnehmen kann.

Daher nur Träumen—so viel wie möglich! Wach — bei Tage — träumen von Kraft und Gesundheit, dann wird auch bei Nacht der Gedanke gleiche Regionen aufsuchen und das Werk wirken helfen. Wenn wir aber bei Tag Trübsal und Elend träumen, spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieser trübe Ideenkreis gleiche Gedankenströme im Schlafe von überall her zieht und wir doppelt elend erwachen. Unwissentlich kann man in einem Hause Explosivstoffe häufen, die man für harmlose Präparate hält! Ein Funke kann dann Haus und Menschen zerstören. In analoger Weise bringen jetzt Leute Leiden und Unglück über sich selbst durch den törichten und unwissenden Gebrauch, den sie von ihren mentalen Kräften machen. Nach der Beschaffenheit unserer Tagträume häufen wir Gold oder Explosivstoffe in unserem Schicksal an. Je tiefer die Verträumtheit, je vollkommener die Versenkung und Abstraktion, um so weiter und stärker kann die mentale Macht wirken, — Tausende von Meilen weit. Alles, was man okkulte Kräfte nennt, das Phänomen der Telepathie wird auf diesem Wege erreicht. Jedes beliebige Gedankenbild könnte — mit entsprechender Intensität vorgestellt — augenblicklich materialisiert werden. In jedem Menschen sind diese Kräfte im Keim vorhanden.

Glaube ist das Samenkorn aller Wunder! Aber aus diesem Samen kann Böses wie Gutes sprießen. Im Bösen kann ein Baum daraus entstehen, in dessen Krone jeder krächzende Unglücksvogel sein Nest baut. Unsere trübe und düstere Phantasie ist der Glaube an das Unglück. Wir   leiden    vielleicht   an   einer   geringfügigen Störung irgendeines Organes; nach ein, zwei Tagen fangen wir schon an, die Störung zu er»« warten. Das Organ stellen wir uns nur mehr als krank vor. Dann hören wir das Leiden mit irgendeinem Namen genannt, der vielleicht die Vorstellung pompöser Gefahr suggeriert. All das stärkt den Glauben an das Unglück; der Einfluss anderer Gehirne kommt noch hinzu, Freunde und Verwandte sind „besorgt“, ängstlich und erinnern uns in einem fort an unseren Zustand. Alles und jedes drängt uns förmlich in den Vorstellungskreis der Schwäche hinein. Keiner schickt uns das eigene Gedankenbild in Kraft und Wohlsein; von überall strömt uns die Vorstellung der Krankheit zurück! Die spirituellen Kräfte der ganzen Umgebung wirken in der falschen Richtung. Wünscht uns ein Freund beim Abschied „baldige Besserung“, so tut er’s in einem mitleidig bekümmerten Ton, der das Schlimmste befürchten lässt! — Nun erhält man die „Substanz“ dessen, was man fürchtet 1 Verwandte, die sich um uns „sorgen“, arbeiten an unserem Ruin.

Man muss sich an den Gedanken des Glückes, wie der Gesundheit hängen mit allen Fasern des Seins, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr, dem eigenen Bild, „frei von jedem Übel“, entgegenträumen, bis dieser Traum zur fixen Idee, zur zweiten Natur geworden ist und unbewusst weiterwirkt.

In allem tierischen und organischen Leben zeigen sich Zeiten der Wandlung — der Inaktivität, als Vorbereitung zu erneutem Sein, — so, wenn die Schlangen sich häuten, die Vögel mausern, die Säugetiere das Winterhaar verlieren. Da gehen große Wandlungen im Organismus vor sich, die die Tiere trag und schwach machen. Die Natur braucht Ruhe für das Werk der Regeneration. Dieses Gesetz, das in den niedrigen Lebensformen wirkt, gilt auch für die höchsten Stufen. Im Leben jedes Menschen treten Perioden ein, da all seine Organe, Kräfte und Energie ein gewisses Nachlassen zeigen.
Mir machen da irgendeinen Wandlungsprozess durch! Wir werden von der Natur ins „Trockendock“ gebracht. Wollten wir dem Gebote folgen, — in wenig Wochen oder Monaten gingen wir an Leib und Seele regeneriert aus solchen Perioden hervor. Die Natur verlangt ja nichts von uns, als dass wir stille halten in den Zeiten ihrer verwandelnden Arbeit. Von Menschen in der Mitte des Lebens sagen wir, sie hätten ihr Maximum von Kraft und Vitalität erreicht, wenn nicht überschritten; dann sollen sie ihrer eingeborenen Natur gemäß welken und „verfallen“ gleich Blättern.

Dieses unerschütterliche Vertrauen in das Altern muss dem spirituellen Gesetz gemäß das Altern nach sich ziehen.

Die „Wendung“ nach der Mitte des Lebens bedeutet nur, dass unser Leib sich regenerieren, sich neu gebären will; während dieser Neuschaffung ist absolute Ruhe nötig, denn das höchst spirituelle Ego ist am Werk, diese Wandlung zu vollziehen, man sollte während dieser Zeit so wenig überanstrengt werden wie im früheren Kindesalter. Wir weigern der Natur diese Rast, wir zwingen den erschöpften Organismus zu Leistungen, zu denen er gerade in dieser Zeit ungeeignet ist. Während die Natur den Versuch macht, uns wieder zu gebären und stärker zu machen, vereiteln wir ihr Bestreben und richten uns zugrunde. In den meisten Fällen können sich die Menschen die nötige Ruhe nicht verschaffen. Sie müssen fort und fort und Jahr um Jahr arbeiten, um ihre „Existenz zu erhalten“!   Das ändert nichts am Resultat!

Naturgebote nehmen keine Rücksicht auf soziale Einrichtungen! Ungehorsam, ohne es zu wissen, schiebt und schindet sich die Menschheit weiter, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, und verdient sich damit Jammer und Tod. In vielen Fällen ist auch die Gewohnheit so stark, dass Menschen gar nicht von der gewohnten Aktivität lassen können. Und die Ruhe, die in kritischen Perioden not tut, ist nicht allein physischer Art. Hunderttausende unserer Rasse haben keine Ahnung, was Ruhe ist, würden zu Tode erschrecken, kämen sie zum ersten Mal wirklich   in   diesen   Zustand,   der   etwas  von träumender Magie an sich hat.

Die barbarische und tödliche Unrast aber ist lediglich eine Folge davon, dass die Menschen sich noch nicht bewusst sind, Teile des unendlichen Wissens zu sein, dass sie noch nicht gelernt haben, aus den mentalen Quellen Gedanken ins Sein herüberzuschöpfen. Einst wird die Menschheit den Tag der Erkenntnis erblicken und wissen, wenn sie sagt: „Dies will ich“ und darin verharrt, dass dann unsichtbare Kräfte am Werke sind, die Wünsche in Materie umzuformen. „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf!“ Die aber rauben sich den Schlaf, um es ja nicht zu bekommen!

[ZURÜCK][START][WEITER]