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Carlos Castaneda - Das Feuer von innenAuszüge aus Carlos Castaneda – „Das Feuer von innen


Carlos Castaneda war ein US-amerikanischer Ethnologe und Schriftsteller peruanischer Abstammung. In den 1970er und 1980er Jahren erlangten seine Bücher internationale Popularität. Darin berichtet er, dass er im Rahmen seiner Studien über die Indianer Mexikos und deren Gebrauch von Heilkräutern und Heiligen Kakteen (Peyote) einen Yaqui-Indianer namens „Don Juan Matus“ kennengelernt habe und von ihm eine Sichtweise der Wirklichkeit gelernt habe, die seinen bisherigen wissenschaftlichen und religiösen Welterklärungsmodellen widersprach.


Logisches System der Wahrheiten über das Bewusstsein

Und dann begann er, ohne Überleitung, mit seiner Erklärung dessen, was er die Meisterschaft der Bewusstheit nannte.
Er sagte, dass es eine Reihe von Wahrheiten gebe, welche die alten und auch die neuen Seher über das Bewusstsein herausgefunden hätten. Diese Wahrheiten seien, der Verständlichkeit halber, in ein bestimmtes logisches System gebracht.

Die Kenntnis des Bewusstseins, erklärte er, bestünde nun im Verinnerlichen des ganzen Systems dieser Wahrheiten.

Erste Wahrheit:

„Die erste Wahrheit lautet, dass die Welt das ist was sie zu sein scheint. Und es doch nicht ist“ […] „Sie ist nicht so fest und so wirklich, wie unsere Wahrnehmung uns glauben macht. Aber sie ist auch keine Fata Morgana. Die Welt ist keine Illusion, wie man immer sagt; sie ist einerseits real und andererseits irreal. Beachte dies gut, denn man muss es verstehen, nicht nur einfach akzeptieren.

Wir nehmen wahr. Dies ist ein Faktum. Aber was wir wahrnehmen, ist kein solches Faktum, denn wir lernen, was wir wahrnehmen sollen.

[…] Unsere Sinne nehmen wahr, wie sie es tun, weil die besondere Beschaffenheit unseres Bewusstseins sie zwingt, so wahrzunehmen.

[…] Die Seher sagen, nur das Bewusstsein ist der Grund warum wir annehmen, dort draußen sei eine Welt von Gegenständen. In Wirklichkeit sind dort draußen die Emanationen des Adlers – fließend, stets in Bewegung, doch unwandelbar, ewig.“

[…] Der Existenzgrund aller empfindenden Wesen ist die Erweiterung des Bewusstseins.

Zweite Wahrheit:

Der Mensch ist aus den Emanationen des Adlers geschaffen und er ist im wesentlichen eine Blase leuchtender Energie; jeder von uns ist von einem Kokon umhüllt, der einen kleinen Teil dieser Emanationen einschließe.

Dritte Wahrheit:

Bewusstheit entsteht durch einen konstanten Druck, den die Emanationen außerhalb unseres Kokons, genannt die allgemeinen Emanationen, auf jene im Inneren unseres Kokons ausüben.

Vierte Wahrheit:

Bewusstheit führt zu Wahrnehmung, und zwar dann, wenn die Emanationen im Inneren unseres Kokons sich an den entsprechenden allgemeinen Emanationen ausrichten.

Fünfte Wahrheit:

Wahrnehmung kann stattfinden, weil es in uns eine Wirkkraft gibt, genannt der Montagepunkt, der innere und äußere Emanationen für eine solche Ausrichtung auswählt. Diejenige Ausrichtung, die wir als unsere Welt wahrnehmen, ist abhängig von der jeweiligen Stelle, an der sich der Montagepunkt befindet.

[…] man muss sich vor allem bewusst werden, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, eine Folge der Tatsache ist, dass unser Montagepunkt an einer Stelle auf unserem Kokon sitzt. Sobald man das begriffen hat, kann man den Montagepunkt – infolge neuer Gepflogenheiten – beinahe willentlich verschieben.

[…] „Der Montagepunkt des Menschen erscheint an einer bestimmten Stelle des Kokons, weil der Adler es so befiehlt“ […] „Aber der genaue Sitz dieses Punktes ist durch Gewohnheit bestimmt, durch wiederholte Handlungen.

Zuerst lernen wir, dass er an dieser Stelle sitzen kann, und dann befehlen wir selbst ihm, an dieser Stelle zu sitzen. Unser Befehl wird zum Befehl des Adlers, und der Punkt wird an dieser Stelle fixiert. Bedenke dies sehr genau; unser Befehl wird zum Befehl des Adlers.

[…] Er fügte noch an, dass die zwanghafte Verstrickung der ersten Aufmerksamkeit in Selbst-Versenkung oder Vernunft eine stark bindende Kraft sei und dass Rituale, eben weil sie auf Wiederholungen beruhten, die erste Aufmerksamkeit zwingen könne, ihre Energie von der Betrachtung des inneren Inventars abzulenken – wodurch der Montagepunkt seine Fixierung verliere.

[…] Bei gesundem Verstand zu sein, weißt du, bedeutet, dass der Montagepunkt unbeweglich ist. Wenn er sich verschiebt, bedeutet es buchstäblich, dass man ver-rückt ist.

Der Sitz des Montagepunktes ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Die letzte Wahrheit lautet:

Der Montagepunkt kann, sobald er sich über eine gewisse Grenze hinausbewegt, Welten zusammensetzen, die sich völlig von der uns bekannten Welt unterscheiden.

Wahrnehmung

[…] Die neuen Seher waren ungemein praktisch denkende Leute,“ […] „ Sie befassten sich nicht mit dem Ausspinnen rationaler Theorien.

Die abstrakten Denker – das waren die alten Seher. Sie errichteten gewaltige Gebäude der Abstraktion, wie sie ihnen und ihrer Zeit entsprachen. Und genau wie die heutigen Philosophen, hatten sie keine Macht über ihre eigenen Gedankengebäude. Die neuen Seher dagegen, vom praktischen Geist durchdrungen, vermochten den Fluss der Emanationen zu sehen, und sie sahen auch, wie der Mensch und die anderen Lebewesen diese Emanationen nutzten, um daraus ihre jeweilige Welt aufzubauen.“

[…] »Wie nutzt der Mensch die Emanationen, Don Juan?«
»Es ist so einfach, dass es idiotisch klingt. Für einen Seher sind die Menschen leuchtende Wesen. Unsere Leuchtkraft besteht aus jenem Teil der Emanationen des Adlers, der in unseren eiförmigen Kokon eingeschlossen ist.

Dieser kleine Teil, diese Handvoll eingeschlossener Emanationen ist das, was uns zu Menschen macht. Wahrnehmen heißt, die im Inneren des Kokons enthaltenen Emanationen in Übereinstimmung zu bringen mit jenen außerhalb.“

[…]»Sind die Emanationen so etwas wie Lichtstrahlen?« fragte ich.
»Nein. Gar nicht. Das wäre zu einfach. Sie sind etwas Unbeschreibliches. Und doch würde ich sagen, sie sind so etwas wie Lichtfäden.

Was dem Normal-Bewusstsein unbegreiflich ist, ist die Tatsache, dass diese Fäden bewusst sind. Ich kann dir nicht sagen, was dies bedeutet, weil ich das, wovon ich rede nicht mit Sicherheit weiß. Mit meiner persönlichen Auffassung kann ich dir nur drei Dinge sagen: Die Fäden sind sich ihrer selbst bewusst, lebendig und vibrierend.
Es sind so viele, dass Zahlenangaben sinnlos wären. Und jeder einzelne ist für sich eine Ewigkeit.

[…] „Du zum Beispiel, als der neue Nagual, müsstest sagen, dass das Bewusstsein die Wahrnehmung entstehen lässt.

[…] Die neuen Seher sagen, dass Wahrnehmung so etwas wie Ausgerichtetsein ist; die Emanationen im Innern des Kokons richten sich aus an den Emanationen außerhalb, die zu ihnen passen. Die Ausrichtung ermöglicht es allen Lebewesen, Bewusstsein zu entwickeln.

[…] Die Emanationen im Inneren und die Emanationen außerhalb […] sind stets dieselben Lichtfasern. Die lebenden Wesen sind winzige Blasen, bestehend aus diesen Fasern, mikroskopische Lichtpunkte, die den Emanationen anhaften.

[…]Und weiter erklärte er, dass die Leuchtkraft der Lebewesen durch jenen Teil der Emanationen des Adlers entsteht, den sie zufällig in ihrem leuchtenden Kokon tragen.
Wenn Seher die Wahrnehmung sehen, so erleben sie, dass das Leuchten der Emanationen des Adlers, die sich außerhalb des Kokon dieser Geschöpfe befinden, das Leuchten der Emanationen im Innern des Kokon um so heller erstrahlen lässt.

Das äußere Leuchten zieht das innere Leuchten an; es fängt es sozusagen ein und fixiert es. Diese Fixierung ist die Bewusstheit eines jeden Lebewesens.

[…] Die Seher können auch sehen, […] wie die Emanationen außerhalb des Kokon einen gewissen Druck auf jenen Teil der Emanationen ausübten, der sich im Inneren befindet. Dieser Druck bestimmt den Grad der Bewusstheit, den jedes Lebewesen habe.

[…] Der innere Dialog sei ein Prozess, der die Position des Montagepunktes dauernd festige, denn diese Position sei eine willkürliche und bedürfe einer solchen Verstärkung.

[…] Don Juan äußerte seine tiefe Bewunderung für die Fähigkeit des Menschen, Ordnung im Chaos der Emanationen des Adlers zu stiften. Er behauptete, dass wir alle von Hause aus meisterhafte Magier wären und unsere Magie einsetzten, um unseren Montagepunkt unabänderlich fixiert zu halten.

„Die Kraft der allgemeinen Emanationen“ […] „bewirkt, dass unser Montagepunkt gewisse Emanationen auswählt und sie zum Zweck der Ausrichtung und Wahrnehmung bündelt. Dies ist der Befehl des Adlers. Die Bedeutung aber, die wir dem beilegen, was wir wahrnehmen, ist unser eigener Befehl, unsere Gabe der Magie.“

[…] Die neuen Seher behaupten, dass die Position des Montagepunktes, da sie eine willkürliche und von unseren Vorfahren für uns ausgewählte sei, mit relativ geringer Anstrengung bewegt werden könne. Sobald sie sich bewege, erfordert sie eine neue Ausrichtung der Emanationen, und mithin neue Wahrnehmung.

[…] Sobald das innere Schweigen erreicht sei, sagte er, begännen die Bindungen, die den Montagepunkt an seinen jeweiligen Platz binden, sich aufzulösen, und der Montagepunkt werde frei und bewege sich.

„Das Geheimnis ist außerhalb von uns“ […] „In uns haben wir nur Emanationen, die bestrebt sind, den Kokon aufzubrechen, und diese Tatsache leitet uns auf mancherlei Weise in die Irre, ganz gleich, ob wir Durchschnittsmenschen oder Krieger sind. Nur die neuen Seher sind dem gewachsen, Sie bemühen sich, zu sehen. Und durch die Verschiebung ihres Montagepunktes gelangen sie zu der Erkenntnis, dass das Geheimnis im Wahrnehmen selbst liegt.

Nicht so sehr in dem, was wir wahrnehmen, sondern in dem, was uns wahrzunehmen befähigt.
Die neuen Seher glauben, wie ich dir schon sagte, dass unsere Sinne fähig sind, alles aufzunehmen. Sie glauben dies, weil sie sehen, dass es der Montagepunkt ist, der vorschreibt, was unsere Sinne wahrnehmen.

Bewusstheit

Die Emanationen außerhalb des Kokons, so sagte Don Juan, die auch als allgemeine Emanationen bezeichnet würden, übten einen Druck auf die Emanationen im Inneren des Kokons aus, und dieser Druck sei bei allen Lebewesen gleich stark. Doch die Folgen seien bei ihnen allen ganz verschieden, weil ihr Kokon auf jede erdenkliche Weise auf diesen Druck reagieren könne. Und dennoch gebe es, innerhalb bestimmter Grenzen, Gradabstufungen der Uniformität.

„Wenn der Seher also sieht“ […] „dass der Druck der allgemeinen Emanationen auf die stets in Bewegung befindlichen Emanationen im Inneren einwirkt und deren Bewegung zum Stillstand bringt, dann weiß er, dass das leuchtende Wesen in diesem Moment durch Bewusstheit fixiert ist.

[…] Es bedeutet, dass die Stimme des Sehens ihnen gesagt hat, dass die Emanationen im Innern des Kokon völlig in Ruhe sind und mit jenen außerhalb übereinstimmen.“

Die Seher, so sagte er, behaupteten natürlich, dass das Bewusstsein immer von außerhalb komme und dass das wahre Geheimnis gar nicht in uns liege. Da die Emanationen insgesamt von Natur aus dazu bestimmt seien, zu fixieren, was sich im Innern des Kokon befindet, bestehe der Trick der Bewusstheit nun darin, die fixierenden Emanationen verschmelzen zu lassen mit dem, was in uns ist. Die Seher behaupteten nun, dass wir, wenn wir dies geschehen ließen, zu dem würden, was wir in Wirklichkeit sind – fließend, immer in Bewegung, ewig.

[…] „Der Grad der Bewusstheit“ […] „ist bei jedem Lebewesen abhängig davon, in welchem Maß es sich von dem Druck der allgemeinen Emanationen tragen zu lassen vermag.“

„Die Emanationen des Adlers sind mehr als nur Lichtfasern“ […] „Jede einzelne ist eine Quelle grenzenloser Energie. Du kannst es dir so vorstellen: da manche der Emanationen außerhalb des Kokon die gleichen sind wie jene im Innern, wirken ihre Energien wie ein anhaltender Druck. Aber der Kokon isoliert die Emanationen im Innern seines Geflechts und steuert auf diese Weise den Druck.

Zur Erklärung der Bewusstheit fasste er noch einmal zusammen, dass Bewusstheit mit einem anhaltenden Druck einsetze, den die Emanationen insgesamt auf die in dem Kokon eingeschlossenen ausübten. Dieser Druck bewirke den ersten Akt der Bewusstheit; er bringe die Bewegung der eingeschlossenen Emanationen zum Stillstand, die darum kämpften, den Kokon aufzubrechen – die darum kämpften, zu sterben.

„Ein Seher weiß um die Wahrheit, dass alle Lebewesen darum kämpfen, zu sterben“ […] „Was den Tod aufhält, ist die Bewusstheit.“

Die Glut der Bewusstheit

Ich sagte dir schon, dass die alten Seher Meister im Umgang mit dem Bewusstsein waren, […] „Jetzt kann ich hinzufügen, dass sie deshalb Meister dieser Kunst waren, weil sie gelernt hatten, die Struktur des menschlichen Kokon zu manipulieren. Sie hatten, wie ich dir sagte, das Geheimnis des Bewusstseins enträtselt. Damit will ich sagen: sie sahen und erkannten, dass im Bewusstsein ein Glutschimmer im Kokon der Lebewesen steckt. Mit Recht nannten sie ihn die Glut des Bewusstseins.“

Die alten Seher, erklärte er, sahen dass das Bewusstsein des Menschen ein bernsteinfarbener Glutschimmer sei, viel intensiver leuchtend als der übrige Kokon. Diese Glut finde sich auf einem schmalen, senkrechten Band an der rechten Außenseite des Kokon und ziehe sich über seine ganze Länge hin. Es sei die Kunst der alten Seher gewesen, diese Glut zu verschieben, sie von ihrer ursprünglichen Stelle an der Oberfläche des Kokon über die ganze Breite nach innen wandern zu lassen.

Wenn Seher sehen, dann ist dabei etwas beteiligt, das alles erklärt, während die Neu-Ausrichtung stattfindet. […] Es ist eine Stimme, die ihnen zuflüstert, worum es geht. Wenn diese Stimme nicht da ist, dann ist das, was der Seher tut, kein Sehen.

[…] Die neuen Seher entdeckten, dass diese Wesenheit, die sie die Form des Menschen nannten, gar keine Stimme hat. Die Stimme des Sehens ist etwas völlig Unbegreifliches für die neuen Seher; sie sagen, es sei die Glut des Bewusstseins, die auf den Emanationen des Adlers spielt wie ein Harfner auf seiner Harfe.“

Im Sinne dessen, was die Seher sehen, ist die erste Aufmerksamkeit die zu ultra-hellem Leuchten entwickelte Glut der Bewusstheit […] Aber es ist eine Glut, die sozusagen an der Oberfläche des Kokon fixiert ist. Es ist eine Glut, die das Bekannte umfasst.

Die zweite Aufmerksamkeit dagegen ist ein besonderer, komplizierter Zustand der Glut der Bewusstheit. Sie betrifft das Unbekannte. Sie stellt sich ein, wenn die sonst ungenutzten Emanationen im Kokon des Menschen eingesetzt werden.

Die neuen Seher […] trieben die Beherrschung des Bewusstseins bis ins Extrem und ließen die Glut der Bewusstheit auf einen Schlag über die Grenzen des leuchtenden Kokon hinausgreifen.

Die dritte Aufmerksamkeit ist erreicht, wenn sich die Glut der Bewusstheit in das Feuer von innen verwandelt – eine Glut, die nicht nur jeweils ein Band entzündet, sondern gleichzeitig alle Emanationen des Adlers im Innern des menschlichen Kokon.“

Die neuen Seher behaupteten nun, […] dass die Glut der Bewusstheit, sobald sie – im Laufe unserer Entwicklung – auf das menschliche Band der Emanationen fällt und einige von ihnen auswählt, um sie hervorzuheben, in einen ewigen Kreislauf gerate. Je stärker der Montagepunkt gewisse Emanationen hervorhebe, desto stabiler werde seine Position. Im gleichen Sinne könne man sagen, dass unser Befehl zum Befehl des Adlers wird. Wenn sich unser Bewusstsein zur ersten Aufmerksamkeit weiterentwickele, dann werde der Befehl selbstverständlich so mächtig, dass es einen echten Sieg bedeute, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und den Montagepunkt in Bewegung zu setzen.

Und was die neuen Sehen in der Glut der Bewusstheit sahen, veranlasste sie dann, wie Don Juan erzählte, jene bereits von den alten Sehern entdeckten Wahrheiten über das Bewusstsein zu einem neuen System zusammenzufassen. Dieses System nannten sie die Beherrschung des Bewusstseins, und darauf aufbauend, entwickelten sie diese drei Techniken: erstens, die Kunst des Pirschens, zweitens, die Meisterschaft der Absicht, und drittens, die Meisterschaft des Träumens.

Aufmerksamkeit

Nach großen Mühen […] wären die Seher zu dem Schluss gelangt, dass das Bewusstsein erwachsener Menschen, durch das Wachstum gereift, nicht mehr als Bewusstsein bezeichnet werden könne, weil daraus etwas Stärkeres und Komplexeres entstanden sei, das die Seher als Aufmerksamkeit bezeichneten.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung des Menschen […] beginne ein Streifen der Emanationen im Inneren des Kokon zu leuchten. Je mehr Erfahrung der Mensch ansammle, desto stärker das Leuchten. Manchmal steigere sich die Glut auf diesem Band der Emanationen so gewaltig, dass sie auf die Emanationen außerhalb des Kokon überspringe. Die Seher, die diese Steigerung beobachteten, hätten den Schluss gezogen, dass Bewusstheit der Rohstoff und Aufmerksamkeit das Endprodukt dieses Vorgangs sei.

Aufmerksamkeit, sagen die Seher, ist die Nutzung und Mehrung des Bewusstseins durch den Vorgang des Lebendigseins.
Bei solchen Definitionen bestünde stets die Gefahr, die Dinge übermäßig zu vereinfachen, um sie verständlich zu machen. Wollte man zum Beispiel Aufmerksamkeit definieren, so liefe man Gefahr, ein magisches, wunderbares Geschehen als etwas Alltägliches darzustellen. Aufmerksamkeit sei aber die höchste Vollendung des Menschen. Sie entwickele sich aus dem Rohstoff der kreatürlichen Bewusstheit, bis sie schließlich die ganze Skala der menschlichen Möglichkeiten umfasse.

[…] „Die Seher sagen, dass es drei Arten der Aufmerksamkeit gibt“ […] „Und wenn sie dies sagen, so gilt es nur für den Menschen, nicht alle Lebewesen überhaupt. Diese drei Arten sind nicht einfach drei Formen von Aufmerksamkeit, sondern es sind drei Stufen der Vollendung. Es sind die erste, die zweite und die dritte Aufmerksamkeit, und jede ist ein eigenes Reich, unabhängig und in sich geschlossen.

[…] die neuen Seher hätten, als sie die erste Aufmerksamkeit überprüften, erkannt, dass alle organischen Lebewesen, außer dem Menschen, bestrebt seien, ihre entflammten, eingeschlossenen Emanationen zu beruhigen, damit diese Emanationen sich ihren Gegenstücken draußen angleichen könnten. Der Mensch mache dies nicht; vielmehr erstelle seine erste Aufmerksamkeit ein Inventar der Emanationen des Adlers im Inneren seines Kokon.

»Was ist ein Inventar, Don Juan?« fragte ich.

„Der Mensch weiß um die Emanationen, die er in seinem Kokon trägt“ […] „Kein anderes Wesen tut dies. In dem Augenblick, da der Druck der allgemeinen Emanationen die Emanationen im Inneren fixiert, beginnt die erste Aufmerksamkeit sich selbst zu beobachten. Sie bemerkt alles an sich, oder versucht es wenigstens, wie sehr sie auch irren mag. Diesen Vorgang bezeichnen die Seher als Aufstellung eines Inventars. Ich will damit nicht behaupten, dass der Mansch sich bewusst dafür entscheidet, ein Inventar aufzustellen, oder dass er sich weigern könnte, dies zu tun. Der Befehl des Adlers schreibt vor, das Inventar anzulegen. Was allerdings dem freien Willen unterliegt, ist die Art, wie dieser Befehl ausgeführt wird.“

[…] Was das Inventar der ersten Aufmerksamkeit betrifft, […] so stellen die Seher es auf, weil sie nicht ungehorsam sein können. Aber sobald sie es aufgestellt haben, werfen sie es von sich. Der Adler befiehlt uns nicht, unser Inventar anzubeten; er befiehlt lediglich es aufzustellen, mehr nicht“

Der Montagepunkt […] sei auch dafür verantwortlich, dass sich die Wahrnehmung der ersten Aufmerksamkeit in Bündeln organisiere. Ein Beispiel für ein solches Bündel von Emanationen, die gemeinsam hervorgehoben würden, sei der menschliche Körper, wie wir ihn wahrnähmen. Ein anderer Teil unseres gesamten Wesens, nämlich unser leuchtender Kokon, erfahre keine Hervorhebung durch die erste Aufmerksamkeit und falle daher dem Vergessen anheim. Denn der Montagepunkt bewirke nicht nur, dass wir Emanationen in Bündeln wahrnehmen, sondern auch, dass wir andere Emanationen vergessen.

[…] „Es war eine Sternstunde der neuen Seher“, […] „als sie herausfanden, dass das Unbekannte nichts anderes ist als die von der ersten Aufmerksamkeit vernachlässigten Emanationen. Ein unermesslicher Bereich, aber dennoch ein Bereich, wo diese Bündelung geschehen kann. Das Unerkennbare dagegen ist eine Ewigkeit, in der unser Montagepunkt überhaupt nichts mehr zu bündeln vermag.“

[…] der Krieger ist auf der Welt, um sich zu einem vorurteilslosen Zeugen heranzubilden. Er will das Mysterium unseres Daseins verstehen und den Triumph genießen, schließlich herauszufinden, was wir wirklich sind. Dies ist das höchste Ziel der Krieger. […] Der Pfad der Krieger sei deshalb so gefährlich, […] weil er das gerade Gegenteil der Lebenssituation des modernen Menschen darstelle. Der moderne Mensch habe das Reich des Unbekannten verlassen und sich im Reich des Funktionalen häuslich eingerichtet.

[…] Die Chance, zum Mysterium zurückzukehren […] ist manchmal mehr, als der Krieger verkraften kann, und so unterliegt er. Er lässt sich verführen durch das – wie ich sage – große Abenteuer des Unbekannten. Er vergisst das Streben nach Freiheit; er vergisst, ein vorurteilsloser Zeuge zu sein. Er versenkt sich in das Unbekannte und fängt an es zu lieben.

[…] Um ein vorurteilsloser Zeuge zu werden, […] müssen wir zuerst verstehen, das einzig die Fixierung – oder Bewegung – des Montagepunktes darüber bestimmt, wer wir sind und wie wir die Welt erleben. Ganz gleich, was für eine Welt das sein mag.


Carlos Castneda – Die Kraft der Stille

Carlos Castaneda – Das Wirken der Unendlichkeit

 

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