Vipassana-Meditation: Die Praxis der Freiheit

Die Einsichtsmeditation für mehr Achtsamkeit und ein von Leid befreites Leben

Immer glücklich und zufrieden sein: ein Ziel, das doch eigentlich jeder anstrebt. Durch die Vipassana-Meditation soll man das erreichen und sich selbst von allem Leid befreien können.

Meditation

Zur Ruhe kommen, zufrieden sein und glücklich. Wer möchte das nicht? Gerade in unserer hektischen Welt kommt uns oft ein positives Grundgefühl abhanden. Mit der Vipassana-Meditation kannst Du nicht nur innere Ruhe, Harmonie und geistigen Frieden finden. Mit dieser Meditationstechnik lassen sich auch diverse Gesundheitsbeschwerden wie entzündliche Erkrankungen, Schmerzzustände oder Depressionen und Angstzustände lindern. Probier’s doch mal aus. Mögliche Heileffekte wurden mittlerweile in zahlreichen Studien beobachtet.

Meditieren wie Buddha

Bevor er zu Buddha wurde, war er ein Prinz, doch trotz seines Reichtums war er nicht glücklich. Deshalb begab er sich auf Wanderschaft und erkannte, dass ihn Reichtum nicht vor Leid schützen kann. Als Bettelmönch suchte er nach Erleuchtung, die ihn zu seinem wahren Glück verhelfen sollte. Nachdem er in Armut und Askese fast verhungerte, merkte er, dass das das auch nicht der richtige Weg ist. Die beste Lebensart ist vergleichbar mit einer gut gestimmten Gitarrensaite: Die Töne klingen nicht gut, wenn die Saite zu fest gezogen sind, aber eben auch nicht wenn sie zu locker gelassen wird. So fand Buddha seinen goldenen Mittelweg und lebte fortan bescheiden. Mit 35 Jahren meditierte er unter einem Feigenbaum im Norden Indiens, bis er zur Erleuchtung fand und zum Buddha wurde. Die Meditationstechnik, die ihn vor 2500 Jahren dahin brachte, soll Vipassana gewesen sein.

Auch heute noch wird Vipassana in mehr als 200 Zentren weltweit gelehrt. Psychologen belegen die positive Wirkung von Achtsamkeit auf Körper und Geist, die ein großer Teil von Vipassana ist. Zahlreiche Studien bestätigen ihre Effekte, beispielsweise reduziert sie Stress und hilft, Schmerzen erträglicher zu machen. Teilnehmer von Vipassana-Kursen berichten von einem verbesserten Wohlbefinden, sowohl physisch als auch psychisch. Die Technik wird unter anderem auch in Gefängnissen unterrichtet. Die Meditation stärkt die Kooperationsbereitschaft der Insassen und sie sind weniger anfällig für Depressionen.

„Achtsamkeit ist das aufmerksame, unvoreingenommene Beobachten aller Phänomene, um sie wahrzunehmen und zu erfahren, wie sie in Wirklichkeit sind, ohne sie emotional oder intellektuell zu verzerren.“

Die Kunst, zu leben

Sebastian Graubner ist über 21 Jahren Vipassana-Lehrer und beschreibt die Technik so: „Die Meditation ist der Weg, der mir in den Höhen und Tiefen meines Lebens zu einem glücklicheren Dasein verhilft.“ Vipassana bedeutet wörtlich übersetzt „Einsicht“, also die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Das Ziel der Technik ist Nirvana – das Ende des Leidens. Graubner sagt dazu: „Über Nirvana brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Ich weiß, ich bin auf dem richtigen Weg, weil ich im täglichen Leben von Vipassana profitiere.“

Aber wie soll das gehen? Um zu meditieren, braucht man nichts als einen ruhigen Platz. Man setzt sich hin, schließt die Augen und beginnt: Man beobachtet die Empfindungen des Körpers wie Schmerz im Knie, Juckreiz an der Nase oder Kribbeln in den Handflächen. Stück für Stück arbeitet man sich in kleinen Bereichen am Körper entlang und versucht, die Beobachtungen nicht zu bewerten, sondern sie zu akzeptieren und ihnen mit Ausgeglichenheit zu begegnen. Laut Graubner sei Vipassana nichts anderes als Achtsamkeit und Gleichmut. Wenn man von Kopf bis Fuß alles beobachtet hat, geht es wieder von vorn los. So löse man die Konditionierungen des Geistes auf, das Verlangen nach Angenehmem und das Ablehnen von Unangenehmem.

Video: Kann ich meinen Geist kontrollieren und so allem Leid entkommen? Tut mir das überhaupt gut? Welche Auswirkungen wird die Meditation auf meinen Alltag haben? Autorin Barbara Beck vom edit.Magazin macht den Selbstversuch.

Der Weg zum Glück

Durch Vipassana lernt man, aus den körperlichen Empfindungen keine mentalen zu machen. Das heißt, man akzeptiert die Realität so, wie sie ist. Laut der Vipassana-Lehre entsteht alles Leid dadurch, dass man auf Empfindungen reagiert. Würde man alles akzeptieren, wie es ist, wäre man immer glücklich.

„Vipassana bedeutet nicht, passiv oder pessimistisch zu sein“, so Graubner. Die Technik helfe, seine Emotionen zu kontrollieren und objektiv Lösungen zu finden. Man rennt nicht vor seinen Problemen davon, sondern setzt sich damit auseinander. Durch Vipassana lerne man, besser zu agieren und wenig zu reagieren, eine realistische Einschätzung der eigenen Situation sie die Basis für eine positive Veränderung.

Vipassana als Lebensaufgabe

Auch vergangene Reaktionen auf Empfindungen kommen irgendwann wieder hoch. Sie beeinflussen den Geist und manifestieren sich durch den Körper. Sie lösen sich auf, wenn man sie akzeptiert. Wenn der Geist frei von alten und neuen Reaktionen ist, sei man gemäß der Vipassana-Lehre erleuchtet. Laut Graubner müsse man der Technik am Anfang Vertrauen schenken, bis man selbst die positiven Wirkungen von Vipassana erfahren hat. Er vergleicht das mit einer Landkarte: Man vertraut den Leuten, die die Karte gezeichnet haben. Wenn man den Weg geht und die verschiedenen Orte bis zum Ziel erreicht, merkt man, dass die Karte stimmt. Mit Vipassana ist das ähnlich, nur sei es eine Lebensaufgabe, den Weg zu gehen. „Vielleicht sogar noch ein paar Leben mehr“, ergänzt Graubner.

Eine 2016 veröffentlichte Studie eines amerikanischen und niederländischen Forschungsteams untersuchte die Veränderung der Hirnströme von Probanden, nachdem diese acht Wochen lang regelmäßig meditierten. Hirnregionen, die für Mitgefühl und Selbstwahrnehmung zuständig sind, verdichteten sich. Graubner kann das bestätigen: Man erkenne seine Fortschritte in der Meditation auch daran, dass sich das Interesse, anderen zu helfen, entwickelt und man dadurch erfüllter ist. Ein weiteres Anzeichen für Fortschritte zeigt sich im Vergleich mit dem eigenen, früheren Ich. Man merkt z. B., dass man sich nicht mehr so schnell über etwas ärgert, also gelassener bleibt.

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