Tao Te King - Das Eine, das wirkt!


Das
Tao Te King
von
Lao Tzu

Lao Tzu

Ich arbeite an einer eigenen, klar verständlichen Version des Tao Te King.
Die hier zu lesende Version ist das derzeitige Zwischenergebnis davon!
Es sind zwar schon alle Kapitel in einer Rohfassung vorhanden, aber sie werden noch weiter bearbeitet!

Das Buch vom Dào und vom Dé

Dào = Lauf, Weg, Fluss, Prinzip und Sinn

Dé = Kraft, Leben und Charisma, Tugend, Güte

Jīng = Leitfaden , Textsammlung

 


Was ist das Tao?
Tao (ausgesprochen " Dao") bedeutet "der Pfad " oder "der Weg". Es ist ein universelles Prinzip, der allem, von der Entstehung der Galaxien bis zur Interaktion der Menschen untereinander, zugrunde liegt.
Die Wirkungsweisen des Tao sind oft über menschliche Logik erhaben. Um das Tao zu verstehen, reicht daher vernunftorientiertes Denken allein nicht aus. Man muss ebenso seine Intuition miteinbeziehen.
Unser Quellmaterial zum Verständnis des Tao ist das Tao Te King des alten Weisen Lao Tse.

Einige der bedeutendsten Prinzipien Lao Tzus sind die folgenden:

Nicht-Streiten – Lao Tze betrachtet Gewalt und Konflikt, so streng sie auch kontrolliert sein mögen, als nicht sinnvoll, sie haben negative Auswirkungen. Das taoistische Bestreben ist es, Probleme durch friedliche Mittel zu lösen.
Nicht-Handeln (oder auch Nicht-Tun) – Einfältige Menschen verschwenden viel Energie und Zeit im Versuch, alles zu tun, und letztendlich nichts damit zu erreichen. Andererseits scheinen die wahren Weisen überhaupt nicht viel zu tun, erreichen jedoch alles, was sie wollen. Diese Magie ist möglich, ja sogar unvermeidbar, wenn man im Einklang mit dem Tao lebt.
Absichtslosigkeit – Wir vollbringen oft tugendhafte Taten in der Hoffnung auf Lob und Anerkennung. Darin liegt keinerlei Tugendhaftigkeit. Wahre Tugendhaftigkeit besteht darin, solche Handlungen natürlich fließen zu lassen, ohne dass dazu ein bewusster Gedanke oder Anstrengung möglich wäre.
Einfachheit – Die Grundlage unserer Realität und Existenz ist elementar und unkompliziert. Menschen verursachen sich selbst viele Probleme, indem sie alles komplizierter gestalten, als es in Wirklichkeit ist. Wenn wir lernen, unser Leben einfacher zu gestalten, können wir eine tiefe Erfüllung erfahren, die so viel mehr Bedeutung hat als die Belohnungen der materiellen Welt.
Weisheit – Die Logik hat ihren Platz im menschlichen Denken, doch ist sie nicht alles. Das, was wir durch vernünftiges Begründen verstehen können, ist begrenzt. Um uns über diese Beschränkung hinwegsetzen zu können, müssen wir unsere Intuition einsetzen. Dies ist der Schlüssel zur Einsicht im Gegensatz zum Wissen, und der Unterschied zwischen das Tao leben und über das Tao lesen.
Bescheidenheit – Je mehr du lernst, desto mehr bemerkst du, wieviel noch zu lernen ist. Dadurch wirst du bescheiden. Arroganz und Egoismus wurzeln in Ignoranz – wenig zu wissen und so zu tun, als wüsste man viel.
Dualität – Lao Tzu betont, dass alle Eigenschaften in der Welt ihre Bedeutung nur aus der Existenz ihres Gegenteils beziehen. Etwas kann nur groß sein, wenn es etwas anderes gibt, das im Vergleich dazu klein ist. "Gut" existiert in der Welt, solange auch "böse" existiert. Das eine kann nicht ohne das andere sein.

Die Übersetzung
Bei einem so alten und in der Vergangenheit bereits so vielfach kopierten Text bleiben Verständnisprobleme auch für den Spezialisten nicht aus: Die im Original verwendete Sprache ist in ihren Begriffen vieldeutig, es gibt zahlreiche Textvarianten, und vieles von dem, was im chinesischen Original noch einigermaßen verständlich sein mag, ist schwer in die Worte einer westlichen, linearen Sprache mit ihren grammatischen Kategorien zu fassen. Bestimmte Begriffe sind bildhaft und vielschichtig in ihrer Bedeutung, und sehr oft lässt auch der inhaltliche Kontext eine ganze Reihe verschiedenster Übersetzungsmöglichkeiten offen. Es ist daher auch ziemlich schwierig für uns, diesen Text eindeutig zu übersetzen und jeder hat ein bisschen etwas anderes.
Es gibt somit viele verschiedene, sich teilweise stark unterscheidende Übersetzungen, und ich versuche hier in guten verständlichen Worten in einer eigenen Version den Sinn zu erfassen und wiederzugeben.



1 DER ANFANG DER KRAFT

Das Tao, das man künden kann,
ist nicht das ewige Tao.
Der Name, den man nennen kann,
Ist nicht der ewige Name.

Nicht benennbar ist die Einheit, welche innen ist.
Benennbar ist die Vielfalt, welche außen ist.
Dem begehrungslosen Blick enthüllt sich das Geheimnis,
Dem begehrenden Blick zeigt sich stets die begrenzte Erscheinung.

Ungleich in der Erscheinung
sind sie doch des gleichen Ursprungs.
Ihr gleiches ist das Wunder
und des rätselhaften Tor.


2 DIE POLARITÄT NUTZEN

Das Schöne wird nur erkannt auf dem Hintergrund  von Hässlichem.
Das Gute wird nur erkannt auf Grundlage von Bösem.
So erschafft allein der Mensch die Gegensätze in der Welt.

Sein und Nicht-Sein bedingen einander,
Schwer und Leicht schaffen einander,
Hoch und Tief erzeugen einander,
Lang und Kurz bestimmen einander,
Klang und Ruhe stützen einander,
Ein Vorher ergibt ein Nachher.

So begreift der Weise das Relative in allem und beurteilt nicht.
er bewirkt, ohne gezielt zu wollen,
er lehrt, ohne zu belehren.
er erreicht, ohne anzustreben.
er pflegt ohne zu besitzen,
Und weil er nichts beansprucht,
wächst ihm alles zu.


3 DEN FRIEDEN WAHREN

Die Fähigen nicht hervorheben,
werden die Menschen nicht zu Strebern.
Besitz und Luxus nicht wertschätzen,
werden die Menschen nicht zu Dieben.
Gelten Güter nicht als besonders,
bleiben die Menschen ruhig und ausgeglichen.

So herrscht also der Weise,
indem er Geist und Herz  von Wünschen leert.
Er mindert Ehrgeiz und stärkt den Leib.
Er übt sich im Nicht-Tun,
und alles findet seinen vollkommenen Platz.


4 DAS WESEN DES TAO

Das TAO ist leer,
doch unerschöpflich,
Es ist verborgen,
doch immer da.
Es ist bodenlos unergründlich,
doch Quelle allen Seins.


5 SICH AN DIE MITTE HALTEN

Himmel und Erde kennen menschliches Empfinden nicht,
für die Natur zählen einzelne Belange nicht.
So ist auch der Weise ist über das Menschliche hinausgewachsen,
keiner ist ihm besonders lieb, noch missbilligt er jemanden.

Bilden Himmel und Erde nicht ein endloses Fortbestehen?
Gleich einem Blasebalg leer und doch unerschöpflich,
je mehr er genutzt wird, desto mehr bringt er hervor.
Trotz ständiger Bewegung bleibt es in der Summe gleich.

Anstatt vieler Worte und Taten
besinne Dich deshalb auf dieses Eigentliche.


6 DAS VERBORGENE ERFASSEN

Der Ursprung des Geistes ist unvergänglich,
durch sein Auftreten entsteht die ganze Welt.
Auch wenn es zahllose Formen annimmt,
bleibt seine Identität unverändert.

Tor zum geheimnisvoll weiblichen,
die Wurzel der Schöpfung,
höre auf ihre Stimme,
höre ihr Echo in der ganzen Schöpfung.
Ohne Fehl offenbart sie ihre Gegenwart,
ohne Fehl führt sie zur eigenen Vollkommenheit.
Obwohl unfassbar und immateriell,
wirkt sie unleugbar immerfort.


7 DIE KRAFT DER SELBSTLOSIGKEIT

Der Himmel ist dauerhaft und die Erde ist ewig, weil sie ohne Eigenwillen sind.
Weil sie nichts für sich selbst wollen,
bleiben sie bei jedem Wandel stets sie selbst und überdauern.

Der Weise reduziert seinen Eigenwillen
und kommt gerade deshalb voran.
Sein Handeln ist selbstlos,
und findet so Erfüllung.

Diene also den Bedürfnissen anderer,
so werden deine eigenen Bedürfnisse erfüllt.


8 FRIEDLICHE WERTE

Höchste Vollkommenheit gleicht dem Wasser,
nützlich allen Geschöpfen ohne sich zu bemühen.
Durchdringend und durchtränkend, nie meidet es niederstes
und ist gerade deshalb glaubhaft und unverdorben.

Das Vollkommene des Wohnens zeigt sich in der Gemäßheit der Stätte.
Das Vollkommene der Gesellschaft offenbart sich als Durchdringung.
Das Vollkommene der Führung zeigt sich mühelos und gelassen,
und bewirkt so die große Ordnung. 

So auch der Erwachte:
Wo er weilt, durchdringt er.
Wo er leitet, lenkt er durch Sanftmut.
In seinem Schweigen quillt lauterste Wahrheit,
indem er sich einfügt, bewirkt er Ausgleich und Frieden.


9 DEN NIEDERGANG ÜBERWINDEN

Besser ein Gefäß füllen
als es zu ergreifen,
besser ein Schwert schärfen
als es nach seiner Schärfe zu betasten.
Besser sein Haus ohne Schätze
als Schätze und auf der Hut.
Schätze verleiten zu Äußerlichkeit;
Äußerlichkeit leitet ab vom Tao.
Vergängliches horten hat keinen Bestand.
Stolz auf Reichtum und Ehre führt von selbst zum Scheitern.

Also der Erwachte:
Ist das Werk vollbracht,
zieht er sich bescheiden davon zurück.


10 INNERE HARMONIE

Wenn du die Seele förderst und das Eine
umfängst
kannst du ungeteilt sein
Wenn du dich hingibst und biegsam wirst
kannst du wie ein Kind sein
Wenn du die Einsicht reinigst und läuterst
kannst du makellos sein
Wenn du das Volk liebst beim Lenken des
Reiches
kannst du tatenlos sein
Wenn du die Tore des Himmels öffnest und
schließt
kannst du nährend sein
Wenn du klar und einsichtig bist
kannst alles durchdringen, ohne des Handelns zu bedürfen.

Hervorbringen und nähren,
haben, doch nicht besitzen,
arbeiten, doch kein Lob erwarten,
führen ohne zu kontrollieren oder zu dominieren.

Wer auf diese Kraft achtet,
bringt das Tao in die Welt.


11 NUTZEN, WAS NICHT IST

Dreißig Speichen treffen die Nabe
Die Leere in der Mitte macht das Rad
Ton formt man zu einem Krug
Die Leere darin macht das Gefäß
Türen und Fenster bricht man in Mauern
Die Leere darin macht ihren Nutzen

Darum:
Die Brauchbarkeit dessen, was ist,
hängt ab von dem, was nicht ist.


12 DIE SINNE UNTER KONTROLLE HALTEN

Zu viele Farben gefährden das Sehen
Zu viele Töne töten das Hören
Zu viele Kost kostet den Geschmack
Zuviel Zerstreuung erzeugt Verwirrung
Zuviel Besitz besitzt den Besitzenden

Darum der Weise:
Der Weise kümmert sich deshalb um das Wesentliche,
nicht um das Sinnliche.
Er lässt gehen, was vergeht,
und hat Teil an dem, was Bestand hat.


13 DAS SELBST ERWEITERN

Glück und Unglück verursachen Furcht
Leben und Tod liegen in unserem Selbst

Was heißt:
Glück und Unglück verursachen Furcht?

Glück zu erlangen,
Glück zu verlieren
ist zu fürchten

Was heißt:
Leben und Tod liegen in unserem Selbst?

Die Wurzel unserer Angst liegt im Selbst
Wenn wir selbstlos sind, wovor sollten wir Angst haben?

Darum:
Wer die Welt als sein Selbst liebt
taugt Hüter der Welt zu sein.
Wer sich selbst liebt wie alle
taugt, Lehrer der Welt zu sein.


14 DER INBEGRIFF DES TAO

Wer es ansieht, sieht es nicht
es ist das Unsichtbare
Wer es anhört, hört es nicht
es ist das Unhörbare
Wer es anfasst, fasst es nicht
es ist das Unfassbare

Diese Drei sind untrennbar
sie sind verbunden und das Eine
Sein Aufgehen ohne Helligkeit
sein Untergehen ohne Dunkelheit
Es geht immer unnennbar weiter
und kehrt ins nichts zurück.

Nähere Dich, da ist kein Anfang,
Folge ihm da ist kein Ende.
Du kannst es nicht kennen, aber es sein,
so lebe gelassen dein Leben.

Entdecken, wie die Dinge stets waren,
bringt in Einklang mit dem Weg.


15 DIE KRAFT IM SUBTILEN WIRKEN

Die Weisen durchdrangen das Ungekannte,
und Worte umfassen nicht ihre Weisheit,
ihr Erscheinen lässt sich nur in Bildern beschreiben:

Ihre Haltung war behutsam
wie beim Überqueren eines Flusses im Winter,
aufmerksam wie bei drohender Gefahr,
zurückhaltend wie höfliche Gäste,
nachgebend wie schmelzendes Eis,
einfach, wie unbehauenes Holz,
aufnahmefähig wie weites Tal,
unergründlich wie trübes Wasser.

Doch das trübste Wasser wird klar,
wenn es still wird.
So ruhten die Weisen in der Leere,
darum entleerte sie die Ruhe.

Wer dem Weg des Tao folgt,
begehrt nicht die Fülle,
doch eben weil er ungefüllt ist,
bleibt er unerschöpflich und stets erneuert zugleich.


16 DAS ABSOLUTE KENNEN

Erreiche die große Leere
bewahre die tiefe Stille
Alle Dinge entstehen und vergehen
betrachte ihre Wiederkehr
Alles kehrt zum Ursprung zurück
Die Rückkehr zum Ursprung ist Stille
dies ist der Weg der Natur

Der Weg der Natur ist ewig
Das Ewige zu kennen bringt Einsicht
Das Ewige nicht zu kennen bringt Unheil

Das Ewige zu kennen macht geduldig
geduldig zu sein macht redlich
redlich zu sein macht edel
edel zu sein macht natürlich
natürlich zu sein ist der rechte Weg

Wer den rechten Weg geht
ist ohne Zeit
selbst wenn er vergeht
dauert er fort


17 DER WEG SUBTILER EINFLUSSNAHME

Die besten Herrscher waren kaum gekannt
die folgenden geliebt und geehrt
die folgenden gefürchtet
die letzten verachtet

Wer selbst kein Vertrauen hat
wird auch kein Vertrauen finden

Wählt er seine Weisung mit Bedacht
werden die Werke vollendet
dem Willen willfahren
und das Volk sagt:
Wir sind frei


18 VERLUST DER INSTINKTE

Wird der rechte Weg verlassen
entstehen Güte und Moral
Wissen und Klugheit kommen auf
und große Heuchelei folgt
Zerbricht die Eintracht der Familie
entsteht Kindespflicht und Elternliebe
Wenn das Land in Wirren und Chaos gerät
treten ergebene Staatsdiener auf


19 RÜCKKEHR ZUR EINFACHHEIT

Brich mit der Weisheit
verwerfe die Klugheit
das Volk wird vielfachen Nutzen haben
Brich mit dem Wohlwollen
verwerfe die Pflichten
das Volk wird wie eine Familie sein
Brich mit der Geschicklichkeit
verwerfe den Vorteil
Räuber und Diebe werden verschwinden

Diese Drei sind äußerlich
für sich selbst ungenügend
Darum folge den Grundsätzen:

Erkenne das Einfache
Pflege das Schlichte
Lege die Selbstsucht ab
Mäßige das Verlangen


20 UNABHÄNGIGKEIT ENTFALTEN

Gib das Wissen auf
Sei ohne Angst

Gibt es einen Unterschied zwischen Ja und
Nein?
Gibt es einen Unterschied zwischen Gut und
Böse?
Muss ich fürchten, was alle fürchten?
Welch ein Unsinn!

Die Masse freut sich am Tieropfer
und im Frühling am Besteigen der Berge
Ich allein bleibe still, ohne Schicksal
wie ein neugeborenes Kind
wie einer ohne Heimat

Andere besitzen in Fülle
mich erfüllt Besitzlosigkeit
ich bin wie ein Narr
verloren und verwirrt
Andere scheinen hell und klar
ich scheine dunkel und trübe
Andere scheinen klug und erleuchtet
ich scheine dumm und umnachtet
schwankend wie das Meer
haltlos wie der Wind

Andere sind geschäftig
ich bin fern wie ein Einsiedler
Ich bin anders als die andern
mich ernährt die Große Mutter


21 DEN KOLLEKTIVEN URSPRUNG KENNEN

Die höchste Tugend ist
dem rechten Weg zu folgen
Der rechte Weg ist
unfassbar und unbegreiflich

Unfassbar und unbegreiflich
ist sein innerstes Bild
Unfassbar und unbegreiflich
ist seine innerste Form
Verborgen und unergründlich
ist sein innerstes Wesen

Sein Wesen ist die Wirklichkeit
Sein Innerstes ist die Wahrheit
von damals bis heute
ist sein Name immer gleich
am Anfang aller Dinge
Woher ich vom Anfang aller Dinge weiß?
Eben durch dies


22 DEM GRUNDMUSTER FOLGEN

Was nachgibt, wird vollkommen
was biegsam ist, wird gerade
was leer ist, wird voll
was vergeht, wird neu
was zuwenig ist, wird bereichernd
was zuviel ist, wird verwirrend

Darum hält sich der Weise an das Eine
und wird zum Vorbild der Welt:
Er beachtet sich nicht
und ist darum geachtet
Er schätzt sich nicht
und ist darum geschätzt
Er rühmt sich nicht
und ist darum berühmt
Er bewundert sich nicht
und wird darum bewundert

Weil er nicht streitet
kann niemand mit ihm streiten

Ist es nicht wahr,
was die Alten sagten?
Was nachgibt, wird vollkommen
So waren sie vollkommen


23 DIE STETIGE WIRKKRAFT DER HALTUNG

Die Natur spricht wenig
Ein Sturmwind dauert keinen Morgen
ein Platzregen dauert keinen Tag
Beides bewirkt die Natur

Wenn die Natur nicht dauert
wieviel weniger der Mensch

Darum:
Wer dem rechten Weg folgt
wird eins mit dem Weg
Wer der rechten Tugend folgt
wird eins mit der Tugend
Wer der Leere folgt
wird eins mit der Leere

Wer eins wird mit dem rechten Weg
den nimmt der rechte Weg freudig auf
Wer eins wird mit der Tugend
und nimmt die Tugend freudig auf
Wer eins wird mit der Leere
den nimmt die Leere freudig auf

Wer nicht genügend vertraut
wird kein Vertrauen finden


24 GEFÄHRDUNG DURCH ÜBERMASS

Wer auf den Zehen steht
steht nicht gut
Wer seine Beine spreizt
geht nicht gut
Wer sich zur Schau stellt
ist nicht erleuchtet
Wer selbstgerecht ist
wird nicht geachtet
Wer sich selbst rühmt
hat keine Ehre
Wer sich selbst bewundert
hat keine Größe

In Hinblick auf den rechten Weg
ist dies nutzlose Übertreibung
jeder verabscheut es

Darum:
Wer auf dem rechten Weg ist
hält sich nicht damit auf


25 DAS TAO DER GRÖSSE

Ehe Himmel und Erde entstanden
bestand ein geheimnisvoll Unbestimmtes
schweigend, abgeschieden,
einzig und unwandelbar,
ewig kreisend in Bewegung
es gilt als Mutter der Welt

Ich kenne seinen Namen nicht
ich nenne es Tao
sein Name ist groß
groß heißt vergehend
vergehend heißt entfernt
entfernt heißt wiederkehrend

Darum:
Das Tao ist groß
der Himmel ist groß
die Erde ist groß
der Mensch ist auch groß
das sind die vier Großen des Alls

Der Mensch ist einer davon
Der Mensch folgt der Erde
die Erde folgt dem Himmel
der Himmel folgt dem Tao
Das Tao folgt sich selbst


26 DIE KRAFT DES SCHWEREN

Das Schwere begründet das Leichte
Die Stille beruhigt das Laute

Darum reist der Weise leicht
und nimmt das Schwere mit sich
Glanz lässt ihn gelassen

Wenn der Herrscher
die Welt leichtnimmt
wird er leichtfertig
und verliert den Halt
wird er rastlos
verliert er die Herrschaft


27 DER GESCHICKTE AUSTAUSCH VON INFORMATION

Ein guter Weg hat keine Spur
eine gute Rede keine Schrift
ein guter Rechner keine Rechnung
ein gutes Tor keinen Riegel
- und ist doch nicht zu öffnen
ein guter Knoten zieht nicht fest
- und ist doch nicht zu lösen

Darum der Weise
nimmt sich aller Menschen an
und schließt niemanden aus
Er nimmt sich aller Dinge an
und verwirft nichts
Er erhellt alles

So ist der Weise
dem Schwachen ein Lehrer
der Schwache
dem Weisen eine Hilfe
Wer den Lehrer nicht schätzt
und die Hilfe nicht annimmt
geht in die Irre
so klug er auch sein mag
Darin liegt das Geheimnis


28 DIE WIRKKRÄFTE EINEN

Erkenne das Männliche
bewahre das Weibliche
darauf beruht die Welt
Wer die Welt bewahrt
ist der Tugend nah
wie ein kleines Kind

Erkenne das Helle
bewahre das Dunkle
sei der Welt ein Vorbild
Wer der Welt ein Vorbild ist
erhält die Tugend
und kehrt zurück
ins Unendliche

Erkenne den Ruhm
bewahre die Bescheidenheit
sei die Tiefe der Welt
Wer die Tiefe der Welt ist
ist von Tugend erfüllt
und kehrt zurück
ins Einfache

Wer das Einfache teilt
macht daraus Nützliches
Macht der Weise sich nützlich
wird ein Beamter aus ihm

Darum teilt das Tao nicht


29 DER WEG DER NICHTEINMISCHUNG

Wer sich der Welt bemächtigen
und sie verändern will
dem wird es nicht gelingen
denn die Welt ist ein heiliges Gefäß
sie kann nicht verbessert werden
Wer sie verändert, verdirbt sie
wer sie festhält, verliert sie

In der Ordnung der Natur
ist Führen und Folgen
Einatmen und Ausatmen
Stärke und Schwäche
Aufstieg und Fall

Darum meidet der Weise
das Großartige
das Besondere
das Übermaß


30 DEN FÜHRER FÜHREN

Wer auf dem rechten Weg
den Herrscher berät
ist gegen Waffengewalt

Unter Waffen gehen
heißt untergehen
Hinter den Heeren
wachsen Disteln und Dornen
Große Armeen
bringen große Armut

Erreiche dein Ziel
das ist genug
Vertraue nicht den Waffen
Erreiche dein Ziel
ohne Stolz
ohne Prahlen
ohne Hochmut
aus Notwendigkeit
aber hüte dich
vor der Gewalt

Denn nach dem Sieg
folgt der Niedergang
ohne den rechten Weg

Ohne den rechten Weg
geht es rasch zu Ende


31 DIE ANWENDUNG DER GEWALT

Waffen sind Werkzeuge des Unglücks
bei allen Geschöpfen verhasst
Wer den rechten Weg geht
der lässt sie liegen

Der Weise liebt das Schöpferische
der Krieger liebt das Zerstörerische
Waffen sind Werkzeuge des Unglücks
und nicht Werkzeuge des Weisen
Er verwendet sie nur
wenn er keine Wahl hat
Ruhe und Friede sind ihm das Höchste

Und ein Sieg ist kein Grund zur Freude
Freude am Siegen ist Freude am Töten
Wer jedoch Freude am Töten hat
wird in der Welt keine Erfüllung finden
Wenn viele Menschen getötet werden
müssen sie voll Kummer betrauert werden
Darum ist jeder Sieg eine Trauerfeier


32 DIE GRENZEN DER SPEZIALISIERUNG

Der rechte Weg ist ewig
von namenloser Schlichtheit
und obwohl unscheinbar
kann er nicht erfasst werden

Wären die Herrscher fähig
den Weg zu bewahren
würden alle Wesen folgen
Himmel und Erde sich vereinigen
um süßen Tau zu regnen
und das Volk, ohne Zwang
wäre redlich und einig.

Beginnt die Unterscheidung
so entstehen Begriffe
Wenn Begriffe auftauchen
ist es besser innezuhalten
Weiß man innezuhalten
entsteht keine Gefahr

Der rechte Weg ist in der Welt
wie Bäche und Flüsse
in den Strömen und Meeren


33 SICH SELBST BEZWINGEN

Wer andere kennt ist klug
wer sich selbst kennt ist weise
Wer andere überwindet ist stark
wer sich selbst überwindet ist mächtig

Wer genügsam ist, der ist reich
wer beharrlich ist, der ist ausdauernd
wer seine Mitte nicht verliert, der dauert
Wer stirbt, doch nicht vergeht
lebt in ewiger Gegenwart


34 DAS SICH ENTFALTENDE TAO

Das große Tao fließt überall
rechts oder links
alle Wesen vertrauen ihm
und werden nicht enttäuscht
Ist das Werk vollendet
fordert es nichts

Es kleidet und nährt alle Wesen
ohne sie zu beherrschen
ohne Denken, ohne Ziel
erscheint es sehr klein

Es ist die Heimat aller Dinge
ohne sie zu beherrschen
erscheint es sehr groß

Es bewirkt Großes
jedoch nicht für sich selbst
Darum ist es wahrhaft groß
 


35 DAS NICHTWAHRNEHMBARE GEWAHREN

Folge dem Einen Weg
und die ganze Welt folgt
ohne Leid und in Frieden
in ruhigem Gleichgewicht

Bietet sich Musik und Speise
bleibt der Wanderer gerne stehen

Der rechte Weg jedoch
ist ohne Wohlklang und Würze
Bei allem Schauen
ist er nicht zu sehen
Bei allem Lauschen
ist er nicht zu hören

Sein Nutzen ist ohne Ende
er erschöpft sich nie


36 DIE ÜBERLEGENHEIT VERBERGEN

Was geschmälert werden soll
muss zuvor ausgedehnt werden
Was geschwächt werden soll
muss zuvor verstärkt werden
Was gestürzt werden soll
muss zuvor erhöht werden
Was genommen werden soll
muss zuvor gegeben werden

Dies erkennen heißt
die tiefen Zusammenhänge erkennen:
Das Weiche und Schwache
überwindet das Harte und Starke

Fische sollen in der Tiefe des Wassers
bleiben
Eine große Macht soll ihre Überlegenheit
nicht zeigen


37 DIE KRAFT IN DER WUNSCHLOSIGKEIT

Das Tao handelt nicht
doch nichts bleibt ungetan
Wären die Herrscher fähig
dem rechten Weg zu folgen
würden alle Menschen
sich ihrer Natur nach entfalten

Das Begehren zu handeln
kann nur durch das Einfache
das Namenlose und Ursprüngliche
gestillt werden

Das Einfache ist wunschlos
Das Wunschlose ist ohne Tun
und die Welt ordnet sich von selbst


38 ABSICHTSLOSE KRAFT

Der Weise strebt nicht nach Weisheit
darum ist er weise
der Wohlwollende strebt nach Weisheit
darum ist er nicht weise

Der Weise handelt nicht, ohne Absicht
der Wohlwollende handelt nicht, mit Absicht
Der Menschliche handelt ohne Absicht
der Gerechte handelt mit Absicht
der Gesetzestreue handelt
und folgt ihm keiner
erzwingt er es

Darum:
Wenn die Weisheit verlorengeht
herrscht Wohlwollen
Wenn das Wohlwollen verlorengeht
herrscht Menschlichkeit
Wenn die Menschlichkeit verlorengeht
herrscht Gerechtigkeit
Wenn die Gerechtigkeit verlorengeht
herrscht Gesetzestreue

Doch die Gesetzestreue
ist nur dürftige Redlichkeit
und der Beginn der Verwirrung
Wissen ist nur glänzender Schein
und der Beginn der Unwissenheit

Darum verweilt der Weise
bei der Fülle des Tao
nicht bei dessen Dürftigkeit
bei seiner Wirklichkeit
nicht bei dessen Schein
Darum läßt er jenes
und nimmt dieses an


39 EINSSEIN IN DER FÜHRUNG

Einst war alles im Einklang mit dem Einen:

Der Einklang des Himmels schafft Klarheit
der Einklang der Erde schafft Beständigkeit
der Einklang der Geister schafft Erleuchtung
der Einklang der Quellen schafft Fülle
der Einklang der Wesen schafft Leben
der Einklang der Herrscher schafft Frieden

Ohne Klarheit würde der Himmel zerbrechen
ohne Beständigkeit würde die Erde zerfallen
ohne Erleuchtung würden die Geister
vergehen
ohne Fülle würden die Quellen versiegen
ohne Leben würden die Wesen sterben
ohne Frieden würden die Herrscher stürzen

Darum ist das Niedrige die Wurzel des Hohen
das Demütige die Grundlage des Erhabenen
Darum betrachten sich die Herrscher als
gemein
weil sie im gemeinen Volk wurzeln

Wer die Teile des Ganzen entfernt
zerstört das Ganze

Glänze nicht wie Jade
sei einfach, wie ein Stein


40 DER WEG

Wiederkehr ist der Weg des Tao
Nachgiebigkeit die Weise des Tao
Alles wird aus dem Sein geboren
das Sein jedoch aus dem Nicht-Sein


41 DAS PARADOXE MEISTERN

Wenn der Kluge vom rechten Weg hört
bemüht er sich, ihm zu folgen
Wenn der Mittelmäßige von ihm hört
folgt und verliert er ihn
Wenn der Törichte von ihm hört
lacht er schallend
Wenn er nicht darüber lacht
wäre es nicht der rechte Weg

Darum heißt es:
Der rechte Weg verschwindet im Dunkel
ein Schritt voran ist wie ein Schritt zurück
der ebene Weg scheint wie ein Auf und Ab

Die höchste Tugend erscheint wie niedrig
der größte Wert erscheint wie unwert
der wahre Reichtum wie unzureichend
innere Stärke erscheint wie Schwäche
die reine Wahrheit erscheint wie Täuschung

Der vollkommene Raum hat kein Ende
das vollkommene Gefäß keine Form
der vollkommene Klang keinen Ton
die vollkommene Form kein Bild
Der rechte Weg ist verborgen und namenlos
er erhält und vollendet alles
 


42 DIE POLARITÄT KENNEN

Aus dem Tao entsteht die Einheit
aus der Einheit der Gegensatz
aus dem Gegensatz die Vielfalt
aus der Vielfalt die ganze Welt

Die ganze Welt
trägt in sich das dunkle Yin
und um sich das lichte Yang
durch die Kraft der Leere
bleiben diese im Einklang

Die Menschen wollen nicht
einsam und unwürdig sein
und doch bezeichnen sich
die Herrscher gerade so

Denn man gewinnt durch Verlust
und verliert durch Gewinn
Was andere lehren, das lehre auch ich:
Ein starker Herrscher
nimmt kein gutes Ende

Das ist der Ursprung meiner Lehre

Das Nachgiebige überwindet das Starre
Das Formlose durchdringt die Form
Deshalb weiß ich :
Wirken entsteht durch Nicht-Tun

Lehren ohne Worte
Wirken ohne Tun
wenigen gelingt dies


43 SUBTILE KRÄFTE

Die Veränderung siegt immer über das Bestehende.
Die Gegensätze sind in Wirklichkeit zusammenhängend.
Deshalb weiß ich:
Der Verzicht auf absichtsvolles Handeln bringt trotzdem Gewinn.

Belehrung ohne Worte, Vollendung ohne Tun,
das erreichen nur sehr wenige in dieser Welt.


44 DIE KRAFT IN DER GENÜGSAMKEIT

Ruhm oder Leben
was zählt mehr?
Besitz oder Leben
Was wiegt mehr?

Besitz gewinnen
sich selbst verlieren
was ist schlimmer?

Wer viel begehrt
verausgabt sich
Wer viel besitzt
verliert sich

Wer Fülle meidet
erreicht Erfüllung
Wer inne hält
erhält inneren Halt
und bleibt
sich selbst erhalten


45 DIE LEERE NUTZEN

Die größte Vollkommenheit:
erscheint sie unvollkommen
so ist sie brauchbar

Die größte Fülle:
erscheint sie leer
so ist sie unerschöpflich

Das höchst Gerade ist wie krumm
das höchst Gescheite ist wie dumm
das höchst Beredte ist wie stumm

Bewegung überwindet Erstarrung
Besonnenheit überwindet Erregung

Stille und Klarheit
bewirken Ordnung
in der Welt


46 WISSEN, WAS GENUG IST

Wenn die Welt dem rechten Weg folgt
ziehen die Pferde den Jauchewagen
Wenn die Welt den rechten Weg verläßt
züchtet man Streitrosse an den Grenzen

Keine größere Schwäche
als das Begehren
Kein größeres Unheil
als Unzufriedenheit
Keine größere Sünde
als die Habgier

Erkenne darum
dass genug genug ist
und immer genügen wird


47 DAS INNERE WISSEN AUSBILDEN

Ohne aus dem Haus zu gehen
kannst du die Welt erkennen
Ohne aus dem Fenster zu sehen
kannst du den rechten Weg erkennen
Je weiter deine Reise dich fortführt
desto geringer deine Erkenntnis

Darum der Weise:
erkennt ohne zu reisen
versteht ohne zu sehen
vollendet ohne zu handeln


48 DIE KUNST DES NICHTHANDELNS

Wer Gelehrsamkeit sucht
lernt täglich dazu
Wer den rechten Weg sucht
verliert täglich etwas
weniger und weniger
bis das Nicht-Tun erreicht ist
Wird nichts mehr getan
bleibt nichts ungetan

Durch Nicht-Tun
wird die Welt gewonnen
Durch Tun
wird die Welt verloren


49 DAS BEWUSSTSEIN ÖFFNEN

Der Weise hat keine Sorge um sich
er hat Sorge um alle Menschen

Er ist gut zu den Guten
er ist gut zu den Schlechten
denn Tugend ist Güte

Er ist ehrlich zu den Ehrlichen
er ist ehrlich zu den Unehrlichen
denn Tugend ist Ehrlichkeit

Der Weise lebt behutsam und demütig
alle richten ihre Herzen auf ihn
er achtet alle wie seine Kinder


50 DIE KUNST DES ÜBERLEBENS

Mit der Geburt
tritt der Tod ins Leben

Es sind dreizehn Pfade des Lebens
es sind dreizehn Pfade des Todes
dreizehn Pfade vom Leben zum Tode

Warum ist das so?
Weil die Menschen
innerhalb des Lebens
ihr Leben verschwenden

Jedoch
wer das Leben
recht zu führen weiß
der durchwandert die Welt
und trifft weder Nashorn noch Tiger
der geht durch ein Kriegsheer
und trägt weder Panzer noch Waffe

Das Horn des Nashorns findet ihn nicht
Die Pranke des Tigers findet ihn nicht
Die Waffe des Kriegers findet ihn nicht

Warum ist das so ?
Weil der Weise
außerhalb des Todes
sein Leben bewahrt


51 DIE KRAFT TEILNAHMSLOSER FÖRDERUNG

Alle Wesen entstehen aus dem Tao
Der rechte Weg erzeugt sie
die rechte Tugend nährt sie
das rechte Wesen formt sie
der rechte Einfluss vollendet sie

Darum ehren alle Wesen das Tao
und achten die Tugend
Tao wird geehrt
die Tugend geachtet
ohne Anordnung
wie von selbst

Denn
der rechte Weg erzeugt sie
die Tugend nährt sie
versorgt und beschirmt sie
läßt sie wachsen und reifen
Erzeugen und nicht besitzen
Wirken ohne zu erwarten
Fördern ohne zu beherrschen

Das heißt tiefe Tugend


52 RÜCKKEHR ZUR EINSICHT

Der Anfang der Welt
ist die Mutter der Welt
Wer die Mutter erkennt
erkennt sich als Kind
wer als Kind sich erkennt
bewahrt seine Mutter
und fürchtet das Ende nicht

Wer seine Worte mindert
und seine Türen schließt
ist am Ende mühelos

Wer seine Worte mehrt
und geschäftig handelt
ist am Ende hoffnungslos

Das Beachten des Kleinen
nennt man Klarheit
Das Bewahren der Nachgiebigkeit
nennt man Stärke

Dem inneren Licht zu folgen
führt zur Einsicht zurück
und bewahrt vor Unheil

Das heißt:
Die Erfahrung des Unendlichen


53 DER UNGETEILTE PFAD

Wer Erkenntnis gewinnt
geht auf dem rechten Weg
und vermeidet alle Umwege
Der rechte Weg ist gerade
das Volk liebt die Umwege

Der Hof prächtig geschmückt
die Felder voll Unkraut
die Scheunen leer
die Kleider voll Prunk
mit scharfem Dolch gegürtet
übersatt von Trank und Speise
sind Schätze und Reichtümer angehäuft

Das ist Maßlosigkeit und Räuberei
und sicher nicht der rechte Weg


54 GRUNDLEGUNG EINER UNIVERSALEN SEHWEISE

Gut Gegründetes wird nicht erschüttert
gut Gehegtes wird nicht entgleiten
so wird es von den Nachfahren
gepflegt und geachtet

Entwickle Tugend in dir selbst
und die Tugend wird wahrhaft sein
Entwickle Tugend in der Familie
und die Tugend wird reichlich sein
Entwickle Tugend im Dorf
und die Tugend wird gedeihen
Entwickle Tugend im Staat
und die Tugend wird wachsen
Entwickle Tugend in der Welt
und die Tugend wird überall sein

Darum:
Betrachte den Einzelnen als Einzelnen
betrachte die Familie als Familie
betrachte das Dorf als Dorf
betrachte den Staat als Staat
betrachte die Welt als Welt
Warum weiß ich
dass die Welt so ist?
Eben durch dieses


55 DIE KRAFT IM NICHTSTREITEN

Wer von Tugend erfüllt ist
ist wie ein neugeborenes Kind
giftige Insekten stechen es nicht
wilde Bestien beißen es nicht
Raubvögel greifen es nicht
Seine Knochen sind weich
seine Muskeln sind schwach
aber sein Griff ist fest

Es weiß noch nichts von Mann und Frau
doch sein Geschlecht
zeigt und erregt sich schon

Es ist voller Lebenskraft
es schreit den ganzen Tag
und wird davon nicht heiser
in vollendetem Einklang
Das Wissen vom Einklang
ist das Unendliche
Das Wissen vom Unendlichen
ist die Erleuchtung

Zunehmendes Alter bringt Unheil
zunehmender Willen bringt Stärke
zunehmende Stärke bringt Erstarrung

Das ist nicht mehr der rechte Weg
daher geht es bald zu Ende


56 DAS EINSSEIN ERLANGEN

Wer weiß, redet nicht
wer redet, weiß nicht

Beende das Gerede
schließe die Türen
dämpfe den Eifer
löse die Verwirrung
mindere den Glanz
finde den Grund

Das heißt eins werden mit dem Ursprung

Wer dies erreicht hat
wird von Liebe und Hass nicht erschüttert
wird von Gewinn und Verlust nicht berührt
wird von Ehre und Schande nicht betroffen
Darum wird er von allen geschätzt
 


57 DIE KRAFT IN DER MÜHELOSIGKEIT

Durch rechtschaffene Leitung des Staates
durch seltenen Gebrauch der Waffen
durch Nicht-Tun gewinnst du die Welt

Woher ich weiß, dass dies so ist ?

Darum:
Je mehr Verwaltung umso mehr Armut
je mehr Waffen umso mehr Gewalt
je mehr Geschick umso mehr Hinterlist
je mehr Gesetze umso mehr Verbrechen

Darum sagt der Weise:
Tue nichts
und das Volk wandelt sich von selbst
Achte auf die Stille
und das Volk bessert sich von selbst
Sei ohne Mühe
und das Volk versorgt sich von selbst
Sei ohne Wunsch
und das Volk bescheidet sich von selbst


58 DIE MITTE AUSBILDEN

Ist die Regierung kaum spürbar
ist das Volk redlich und einfach
Ist die Regierung aber ehrgeizig
ist das Volk verschlagen und falsch

Erfolg stützt sich auf Elend
Erfolg birgt Elend unter sich
Wer kennt das Ende ?

Recht wird zu Unrecht
Ordnung zu Unordnung
und die Verwirrung wächst

Daher ist der Weise
klar aber nicht verletzend
treffend aber nicht durchdringend
freimütig aber nicht rücksichtslos
erhellend aber nicht blendend


59 DER WEG DER MÄSSIGUNG

Im Sorgen für andere
und im Dienste des Himmels
ist nichts so wichtig
wie die Mäßigung

Mäßigung bedeutet frühes Nachgeben
Frühes Nachgeben bedeutet
Sammeln der Tugend

Mit gesammelter Tugend
ist nichts unerreichbar
Ist nichts unerreichbar
gibt es keine Grenzen
Gibt es keine Grenzen
ist das Reich regierbar

Im Einklang mit dem Mütterlichen
kann der Staat bestehen und gedeihen

Das heißt:
Tiefe Wurzeln und ein fester Grund
bieten Sicherheit und langes Leben
wenn der rechte Weg beachtet wird


60 DIE POSITION HALTEN

Ein großes Reich regieren
ist wie das Braten kleiner Fische

Auf dem rechten Weg
das Reich regieren –
dann wird das Böse
keine Macht haben

Nicht, dass das Böse nicht mächtig wäre
Aber seine Macht wird niemand schaden
Nicht nur wird sie niemandem schaden
auch die Herrscher schaden niemandem

Da die Tugend sie verbindet
tun beide keinen Schaden


61 DIE KRAFT IN DER BESCHEIDENHEIT

Ein großes Reich sollte bescheiden sein
um die Welt in sich zu sammeln
wie die Mutter der Dinge

Denn das Weibliche
überwindet das Männliche
durch Nachgiebigkeit

Darum:
Stellt sich ein großes Reich
unter ein kleines Reich
so gewinnt er das kleine Reich dazu
Stellt sich ein kleines Reich
unter ein großes Reich
so gewinnt es das große Reich dazu

Darum:
Wer siegen will
muss sich beugen
Wer herrschen will
muss dienen

Denn die großen Reiche wollen einen und
fördern
die kleinen Reiche wollen beitreten und
aufgehen

Um dies zu erreichen
muss das Große sich beugen


62 DAS TAO IN FÜHRERN

Der rechte Weg ist
der Ursprung aller Dinge
den guten Menschen ein Schatz
den schlechten Menschen ein Schutz

Schöne Worte können Ansehen erkaufen
gute Taten können Achtung gewinnen
schlechte Menschen soll man nicht aufgeben

So wird auch der Herrscher gekrönt
und die Regierung eingesetzt

Mag er auch jene bevorzugen
die ihren Reichtum zeigen
oder ihm vorauseilen
besser ist es
in Stille und Ruhe zu sitzen
und dem rechten Weg zu folgen

Was aber war der Grund
von jeher das Tao zu verehren?
Die Alten sagten:
Wer sucht, der findet
Wer seine Fehler erkennt
dem wird vergeben

Darum ist es der wahre Reichtum der Welt


63 DER PFAD DES GERINGSTEN WIDERSTANDES

Tue durch Nicht-Tun
Wirke ohne Handeln
Genieße ohne Reiz
Vergrößere das Kleine
Mehre das Wenige
Vergelte Feindschaft
mit Wohlwollen

Plane das Schwierige im Leichten
Erreiche das Große im Kleinen
Denn das Schwierige beginnt im Leichten
Und das Große beginnt im Kleinen

Daher versucht der Weise
nichts Großes zu tun
und vollendet Großes

Doch wer viel verspricht
hält zumeist wenig
wer viel leichtnimmt
findet alles schwer

Darum hält der Weise
alles für schwer
und findet es leicht


64 DIE KRAFT IM ANFANG

Ruhiges ist leicht zu halten
Offenes ist leicht zu planen
Dünnes Eis ist leicht zu schmelzen
Feiner Staub leicht zu zerstreuen

Wirke auf die Dinge bevor sie erschienen
sind
Ordne die Dinge bevor sie verwirrt sind
Ein großer Baum wächst aus einem kleinen
Spross

Ein großer Turm entsteht aus einem Häufchen
Erde
Eine große Reise beginnt mit dem ersten
Schritt

Wer handelt, verdirbt – wer festhält, verliert
Weil der Weise nicht handelt, verdirbt er
nichts
Weil er nicht festhält, verliert er nichts

Die Menschen aber handeln
und vor der Vollendung zerstören sie alles
wären sie am Ende so behutsam wie zu
Beginn
bliebe es unzerstört

Darum der Weise
wünscht wunschlos zu sein
schätzt keine Schätze
erlernt das Vergessen
achtet das Unbeachtete
fördert alle Wesen in ihrer Natur
ohne einzugreifen


65 GEFÄHRDUNG DURCH KLUGHEIT

Die von jeher dem rechten Weg folgten
lehrten dem Volk keine Klugheit
sie wollten, dass es einfach bleibe
Wenn das Volk zuviel Klugheit anhäuft
ist es schwer zu regieren

Förderung der Klugheit
führt zur Unordnung im Reich
Förderung der Einfachheit
führt zur Ordnung im Reich

Diese beiden Möglichkeiten gibt es
sie zu verstehen ist tiefe Tugend
Die tiefe Tugend ist klar und weit
in der Aufhebung der Gegensätze
führt sie zum großen Einklang


66 DIE KRAFT IM SICH-NIEDRIG-HALTEN

Warum führt das Meer die Ströme
die Ströme die Flüsse
die Flüsse die Quellen?
Weil sie niedriger sind als jene

Darum:
Um über das Volk erhaben zu sein
muss man sich darunter stellen
Um dem Volk voran zu gehen
muss man sich dahinter stellen

Darum ist der Weise
erhaben ohne das Volk zu bedrücken
führend ohne dem Volk zu schaden
So freut sich das Volk ihm zu folgen
Weil er sich nichts erstreitet
will niemand mit ihm streiten


67 DIE KRAFT IM MITLEID

Die Welt sagt das Tao ist groß
aber unbegreiflich
Doch nur weil es groß ist
ist es unbegreiflich
Könnte es begriffen werden
wäre es bedeutungslos

Ich habe drei Schätze
die ich hüte und bewahre:
Der erste ist : Liebe
Der zweite ist : Genügsamkeit
Der dritte ist : Demut

Wer liebt, kann mutig sein
Wer genügsam ist, kann großzügig sein
Wer demütig ist, kann vorangehen

Wer mutig ist ohne Liebe
wer großzügig ist ohne Genügsamkeit
wer vorangeht ohne Demut
geht ins Verderben

Die Liebe ist siegreich im Angriff
unverwundbar in der Verteidigung
Wen der Himmel behüten will
den schützt er mit Liebe


68 NICHTAGRESSIVE STÄRKE

Ein guter Herrscher
braucht keine Gewalt
Ein guter Krieger
kämpft ohne Zorn
Ein guter Sieger
greift nicht an
Ein guter Anführer
hält sich zurück

Das ist die Tugend der Friedfertigkeit
des höchsten Umgangs mit Menschen
die höchste Einheit mit dem Himmel
das höchste Ziel der Vorfahren


69 DIE ESKALATION AUFHALTEN

Im Kampf gilt das Sprichwort:
Besser angegriffen werden
als selber anzugreifen
besser einen Fuß zurückweichen
als einen Zoll vorrücken

Das heißt:
Vorangehen ohne vorzugehen
zurückhalten ohne zu halten
abwehren ohne sich zu wehren
siegen ohne Waffen zu gebrauchen

Kein größeres Unheil
als leichtfertig anzugreifen
Wer leichtfertig angreift
verliert leicht seine Schätze

Darum:
Wo Waffen aufeinanderprallen
siegt der Nachgebende


70 DAS TAO VERSTEHEN

Meine Worte sind
leicht zu verstehen
leicht zu befolgen
Aber auf der Welt
ist niemand fähig
sie zu verstehen
sie zu befolgen

Meine Worte haben einen Ursprung
meine Taten haben eine Richtung
Weil sie diese nicht verstehen
verstehen sie auch mich nicht
Die wenigen, die sie verstehen
werden mich schätzen

Darum trägt der Weise
außen grobe Kleider
innen kostbare Jade


71 DIE KRANKHEIT ERKENNEN

Wer nicht weiß, dass er weiß
ist weise
Wer weiß, daß er nicht weiß
ist leidend
Doch nur wer an diesem Leiden leidet
leidet darum nicht

Der Weise leidet nicht
weil er an diesem Leiden leidet
Darum leidet er nicht


72 DIE RECHTE SICHT DER DINGE

Haben die Menschen keine Ehrfurcht
geschieht das Furchtbare

Achte ihre Häuser
Achte ihre Arbeit
Nur wenn du sie achtest
werden sie dich achten

Darum erkennt
der Weise sich selbst
aber zeigt sich nicht
Er achtet sich selbst
aber beachtet sich nicht

Darum
lässt er jenes
und hält sich an dieses


73 DER WEG DER NATUR

Der Verwegene wird vergehen
der Besonnene bleibt bestehen

Von diesen beiden ist
einer im Nachteil
einer im Vorteil

Wer kennt die Gründe des Himmels ?
Selbst der Weise nicht

Des Himmels Weg ist
Überwindung ohne Streit
Belohnung ohne Worte
Erscheinung ohne Ruf
Wirkung ohne Mühe

Des Himmels Netz ist endlos weit
so weit die Maschen sind geknüpft
so schlüpft doch nichts hindurch


74 UNNATÜRLICHE AUTORITÄT

Wenn die Menschen
den Tod nicht fürchten
was hilft es
mit dem Tod zu drohen?

Wenn die Menschen
den Tod stets fürchten
was hilft es
den Verbrecher zu fassen
und zu töten?

Der Tod selbst
ist oberster Vollstrecker
An seiner Stelle zu töten
ist wie das Führen der Axt
anstelle des Zimmermanns

Wer die Axt führt
anstelle des Zimmermanns
bleibt selten unverletzt


75 SELBSTZERSTÖRERISCHE FÜHRUNG

Das Volk hungert
weil die Oberen prassen
Darum hungert das Volk

Das Volk ist ungehorsam
weil die Oberen Gehorsam erpressen
Darum ist das Volk ungehorsam

Das Volk achtet das Leben gering
weil die Oberen nach dem Leben gieren
Darum achtet das Volk das Leben gering

Wer nicht an seinem Leben hängt
ist würdiger als jener
der nach seinem Leben giert


76 DIE KRAFT IN DER ANPASSUNGSFÄHIGKEIT

Der Mensch
tritt ins Leben
weich und zart
im Tode ist er
hart und starr

Alle Wesen
treten ins Leben
weich und zart
im Tode sind sie
trocken und hart

Darum
ist das Harte und Starre
Zeichen des Todes
das Weiche und Schwache
Zeichen des Lebens
Ist das Heer starr und stark
wird es untergehen
Ist der Baum hart und stark
wird er gefällt werden

Das Harte und Starke vergeht
Das Weiche und Schwache besteht


77 DIE KRAFT LENKEN

Der Weg des Himmels
ist wie das Spannen des Bogens:

Das Obere wird heruntergezogen
das Untere wird emporgehoben
Das Gebogene wird gestreckt
das Gestreckte wird gebogen

Des Himmels Weg ist
die Fülle zu mindern
die Leere zu füllen

Der Menschen Weg
ist jedoch:
denen zu nehmen
die zuwenig haben
und denen zu geben

die zuviel haben
Wer vermag es
genug zu haben
und allen zu geben?

Nur jener
der von Tao erfüllt ist

Darum wirkt der Weise ohne Erwartung
Vollendet sein Werk ohne Anspruch
wunschlos und vortrefflich


78 DIE SCHULD AUF SICH NEHMEN

Nichts in der Welt
ist nachgiebiger und weicher als Wasser
doch nichts ist besser
um Hartes und Starkes zu überwinden
dank dem was es nicht ist
gelingt es ihm leicht

Das Weiche überwindet das Harte
das Schwache überwindet das Starke
Obwohl jeder es weiß
handelt keiner danach

Darum sagt der Weise:
Wer das Unheil auf sich nimmt
vermag das Land zu regieren
Wer das Unglück auf sich nimmt
vermag die Welt zu regieren
Oft klingt die Wahrheit widersinnig


79 DIE KRAFT IM NICHT-NUTZEN DES VORTEILS

Nach großem Streit
bleibt kleiner Streit
Wie das ändern?

Der Weise hält sich daher
an seine Seite des Vertrags
und erzwingt nicht die andere

Wer die rechte Tugend hat
erfüllt seine Pflichten
und vergißt die Schuld
Wem die rechte Tugend fehlt
fordert ein und pocht auf Schuld

Aber der Weg des Himmels ist gerecht
er wirkt durch den guten Menschen


80 DIE UNABHÄNGIGKEIT VOLLENDEN

Klein sei das Reich
wenige das Volk
die Güter reich
der Verbrauch gering
das Leben wertvoll
die Reisen kurz
Boote und Wagen
werden nicht gebraucht
Rüstung und Waffen
werden nicht verwendet
Schnüre geknotet
statt zu schreiben

Die Speisen schmackhaft
die Kleidung passend
die Wohnung friedlich
die Gebräuche freudig

Die Nachbarn in der Nähe
dass Hunde und Hähne
zwar zu hören sind
aber ohne Besuch
und in Frieden
das Leben zu beschließen


81 DER REIFE WEG

Wahre Worte sind nicht schön
schöne Worte sind nicht wahr
Der Gute streitet nicht
der Streitende ist nicht gut
Der Wissende ist nicht gelehrt
Der Gelehrte unwissend

Der Weise sammelt keine Schätze
Je mehr er für andere wirkt
umso mehr gewinnt er selbst
Je mehr er den anderen gibt
umso größer ist sein Reichtum

Der Weg des Himmels ist
Nutzen ohne Schaden
Der Weg des Weisen ist
Wirken ohne Mühe