Dieser Artikel erschien ursprünglich auf lebenvertiefen.de und stammt von Jan von Wille.
Er ist sehr gut. Ich weiß aus eigener Erfahrung wie eingeschränkt manche Christen denken. Ich muss oft überlegen, wie ich etwas in deren Worte ausdrücke, damit die es annehmen können und es nicht als Esoterk abgetan wird, was bei denen etwas schlechtes ist. Oder ich darf nicht sagen, wo ich es herhabe. So fand z. B. mal jemand bei einem Gespräch über Vergebung die Frage: "Möchtest du lieber recht haben oder glücklich sein?" sehr weise, aber ich hätte schlecht sagen können, wo das her ist ("Ein Kurs in Wundern").

Können / sollten Christen auch von anderen spirituellen Traditionen lernen?

Die zwei großen Unterrichtsfächer für Christen

JA – um es vorwegzunehmen.
Und – JA, ich bin begeisterter Jesus-Nachfolger.
Für manche passt das nicht zusammen.
Für andere ist es selbstverständlich, von unterschiedlichen Traditionen und Positionen zu lernen.
 



Viele „Wahrheiten“ des christlichen Wegs berühren mein Herz und prägen mein Denken, gerade weil sie mein Denken übersteigen.
– Gott, der Mensch geworden ist und am Kreuz gezeigt hat, wie das Böse verwandelt werden kann
– Gott, der durch das Geheimnis der Trinität Beziehung verdeutlicht: Gott ist Liebe und Liebe ist Gott.
– Und dann Jesus als Person – genial, herausfordernd, nicht fassbar, berührend…

Ich habe nichts Größeres gefunden!
Und dennoch…

1. Richtiges Denken – oder ein „richtiges“ Herz?

Manchmal staune ich über bestimmte Entwicklungen im Christentum. Wie konnte sich eine ehemalige, von Jesus initiierte Untergrundbewegung zu vielen Kleinkreisen entwickeln, die über einem Buch gebeugt um rechtgültige Textauslegung streiten.
Als hätte Jesus gefordert: „dies ist mein Gebot, dass ihr Recht behaltet.“
Vielleicht liegt es daran, dass das Christentum im westlichen Europa großgeworden ist, in dem ein stark dualistischer Denkstil vorherrscht. Bei unseren Diskussionsformen verliert oder gewinnt man. In der Kirchensprache würden wir sagen: du bist erlöst oder nicht erlöst. Du bist drinnen oder draußen.
Auch blutige Auseinandersetzungen der frühen Kirchengeschichte trugen dazu bei, große Klarheit und feste Identitäten haben zu müssen. Das hat Europa in vielerlei Hinsicht zu einem starken Kontinent gemacht.

Für die Entwicklung einer reifen Spiritualität ist dies jedoch nicht immer förderlich. Die Erweckungsgeschichten Europas zeigen, dass die kleinen Pflanzen geistlicher Aufbrüche immer wieder von Dogmatik und Orthodoxie erstickt wurden.
Und auch heute beobachte ich, dass viele ehemalige Christen nach anderen spirituellen Quellen suchen: bei Selbsthilfegruppen, Konferenzen, in der Esoterik oder in Büchern mit allen möglichen psychologischen Entwürfen.

Ich habe gehört, dass im tibetischen Buddhismus die Prägung junger Mönche auf der Basis von sog. non-dualem Denken geschieht. Innerhalb von drei Jahren wird der Novize mit den Lehren Buddhas vertraut. Dabei müssen sie selbständig problematische Konsequenzen dieser Lehre durchdenken und ausdrücken. Nach jeder Antwort klatscht der Lehrer in die Hände und lächelt. Erst wenn alle negativen Konsequenzen durchdacht sind, widmet man sich den positiven Aspekten. Auch hier klatscht der Meister nach jeder Antwort in die Hände und lächelt.
Niemand erklärt vorschnell, was richtig oder falsch ist. Der Novize wird einfach gelehrt, verschiedene Positionen zu bedenken und alle Möglichkeiten abzuwägen.
Kannst du dir solch eine Schulform in Deutschland vorstellen?

Das dualistische Denken ist notwendig für viele praktische Fragen des Lebens. Aber wenn es um die spirituelle Dimension unseres Lebens geht, hat diese Denkart eine erstickende Wirkung.
Viele tiefen Glaubensthemen können wir nicht mit dualistischem Verstand erkennen.
Das dualistische Denken funktioniert in Relationen:

entweder – oder, schwarz oder weiß, plus oder minus. Es kann nie beides zugleich sein.

Aber Jesus ist Gott und Mensch zugleich. „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30).

Für unser logisches Denken ist das unbegreifbar. Auch die Trinität ist kein mathematisches, unlösbares Zahlenrätsel, sondern eine Einladung zum Staunen.
 

Denkweise und Spiritualität

Auch in die Lebenshaltung der Achtsamkeit wachsen wir nur hinein, wenn wir die non-duale Sichtweise vom Leben in uns aufnehmen.
Dies hat bei mir in einem Sommer begonnen. Ich erinnere mich noch gut zurück. In diesen Monaten saß ich auf unserer Terrasse und mein einziges Gebet bestand darin, dass ich das Wort „Gott“ aussprach. Recht leise, einfach so in den Abendhimmel hinein.
Wie ein Glockenschlag.
Mehr nicht.

Während dieser Abende bekam ich einen neuen Blick für Gebet und Gegenwart Gottes.
Gebet wurde für mich zu einer Art „Stimmgabel“, ein Einstimmen in Gottes Gegenwart. Mir wurde bewusst, dass ich im geistlichen Leben tatsächlich nichts weiter tun kann als mich auf Gottes Gegenwart einzustimmen.
Ab diesem Punkt hat das nichts mehr mit Denken zu tun. Es hat sehr viel mit Achtsamkeit, innerer Empfänglichkeit und Gemeinschaft zu tun.

Ich erinnere mich noch gut an den nächtlichen Blick in den Sternenhimmel. Wie sensibel hier alles aufeinander abgestimmt und ständig in Veränderung begriffen ist. Alles verändert sich in alle erdenklichen Richtungen und zur gleichen Zeit.
Wären Eindeutigkeit, Vorhersagbarkeit und Definitionen für Jesus so wichtig gewesen, dann wäre er wahrscheinlich im digitalen Zeitalter erschienen oder hätte seine Reden wenigstens aufgeschrieben. Und zwar nicht in paradoxen Gleichnissen sondern gut strukturiert auf der Sachebene.

Klarheit im Denken ist eine wunderbare Sache. Sie ist aber nicht ausreichend für den spirituellen Weg. Ohne den Zugang zur non-dualen Sichtweise bringt Religion in der Regel hochgradig bewertende Menschen hervor, denen es um Reinheit der Lehre, korrektes Denken und Handeln geht. Mitgefühl, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind zweitranging.

2. Befreiung vom Ego

Nicht nur das Denken, also die Glaubenslehre, steht in der Gefahr der Pervertierung, auch die gelebte Spiritualität muss wachsam sein in Bezug auf Extreme.
Die Pervertierung von Innerlichkeit ist Selbstbezogenheit. Die Pervertierung von Demut ist Kleinmut. Die Pervertierung von Mitgefühl ist Verzweiflung. Die Pervertierung von Gottvertrauen ist Tatenlosigkeit. Die Pervertierung von Schöpferkraft ist Machbarkeitswahn…
Und hinter allen Pervertierungen steht Ichbezogenheit.

Vielleicht ist diese Ichbezogenheit eine der größten Schwächen der modernen Christenheit. Religiös ausgedrückt: Der Focus auf das persönliche Seelenheil.
Persönliche Rettung, persönliches Heil, persönliche Beziehung zu Jesus (eine Fokussierung, die wir so in der Bibel gar nicht finden) – die Entwicklung ging bis hin zum „persönlichen Wohlstand“ – was so ziemlich das Gegenteil darstellt von dem, was Jesus lebte und lehrte.

Diese Betonung kommt eher durch unsere individualistische Kultur als durch die Evangelien.
Lesen wir die Bergpredigt, begegnen wir eine ganz andere Kultur.
Und in der Christenheit gibt es großartige inspirierende Beispiele für Hingabe. Angestoßen durch Jesus selbst, der sein Leben hingab bis in den Tod.

Aber Begriffe wie „Loslassen“, „Achtsamkeit“, „innere Sammlung“ verbindet man heute aus irgend einem Grund eher mit der östlichen Spiritualität als mit dem Christentum.
Schade!
An dieser Stelle möchte ich dir eine kleine Übung mitgeben.
Frage dich:
Was existierte eigentlich 100 Jahre vor mir?
Lass hier ruhig deine Phantasie spielen. Und jetzt noch ein größerer Sprung:
Was gab es vor 3000 Jahren auf dieser Welt?
Also tausend Jahre vor Christi Geburt.
Und was wird in 3000 Jahren sein? Wird es die Erde in dieser Form noch geben? Wird es eine andere Zivilisation geben?
Eins ist sicher: Falls es dann noch menschliche Lebewesen geben wird, werden sie eine andere Kultur haben und nicht deine Gewohnheiten haben. Sie werden eine andere Sprache sprechen. Keine Sprache hat sich bisher länger als 3000 Jahre gehalten. Versuch dir vorzustellen, wie du in 3000 Jahren genau an diesem Platz zurück kommst und nach Spuren von dir suchst.
Durch diese Visualisierung kannst du ein Gefühl von Freiheit bekommen. Wovon? Von der Illusion, dass du eine große Bedeutung hast. Außer in Gottes Augen haben wir alle kaum Bedeutung. Selbst die Namen der einflussreichsten Persönlichkeiten verblassen irgendwann.
Denk an die Vögel des Himmels, von denen Jesus sprach. An die Blumen und Lilien auf dem Feld. An die Vergänglichkeit und den ewigen Fluss der Veränderung. Wie unbedeutend sind wir doch.
Ziel aller reifen Spiritualität ist, frei zu werden von der Tyrannei des Egos. Denn es gibt niemanden der so frei und lebendig ist wie derjenige, der den Tod und die eigene Unwichtigkeit schon akzeptiert hat.

Dies kann auf der Erfahrungsebene für einige Menschen der Durchbruch zu nichtdualem Bewusstsein werden.
Denn es ist ein Paradox: Tod und Unwichtigkeit als Tor zum Leben und Verbundenheit mit allem.

Wir sind nicht die Mitte, aber wir sind verbunden mit der Mitte …


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