Orgasmus

- aus dem Buch "Die goldenen Regeln des Friedvollen Kriegers" von Dan Millman


Der Orgasmus – durch Masturbation, Geschlechtsverkehr mit einem Partner oder nächtliche Samenergüsse («feuchte Träume») – ist eine weitverbreitete und verhältnismäßig harmlose Methode der Spannungsentladung. Im Gegensatz zu den höheren Motiven der Liebe, Zuneigung und Gemeinsamkeit ist der Orgasmus ein angeborener biologischer Trieb, der die Erhaltung der Art sichern soll. Wir können auch ohne eines dieser höheren Motive zum Orgasmus kommen und tun das auch oft. Viele Erwachsene schlafen in beiderseitigem Einverständnis zum bloßen Vergnügen miteinander, ohne dabei irgendwelche Bindungen einzugehen. Sie erleben ihren Orgasmus, und dann geht jeder wieder seinen eigenen Weg. Doch die höchste Form der sexuellen Intimität umfaßt Liebe und Begehren.
Mit der Sexualität ist es genau wie mit allen anderen Ventilen: Problematisch wird sie erst dann, wenn sie sich zu einem Zwangs – oder Suchtverhalten entwickelt, wenn wir sie nicht gebrauchen, sondern mißbrauchen. Orgasmussüchtige Menschen setzen die verschiedensten Methoden ein, um zum Orgasmus zu kommen, und neigen dazu, ihre Partner oder sich selbst als Sexualobjekte zu benutzen, um ihre inneren Spannungen loszuwerden.
Inzwischen ist wahlloser, ungeschützter Geschlechtsverkehr sehr riskant geworden und kann ernste, ja tödliche Folgen haben, ganz zu schweigen von dem emotionalen Aufruhr, der Unsicherheit und Unehrlichkeit und anschließenden Reue, die solche Affären häufig mit sich bringen.
Ich empfehle allen, die keinen Partner haben, ihre sexuellkreativen Energien durch Selbstbefriedigung freizusetzen. Das tun viele Menschen. Es ist ein einfaches Ventil der Spannungsentladung, bei dem man keine emotionale Bindung eingeht. Selbstbefriedigung scheint mir besser zu sein als unehrliche, lieblose, zwanghafte sexuelle Begegnungen, bei denen wir das Risiko einer Krankheit, einer Schwangerschaft oder einer einseitigen emotionalen Verstrickung eingehen. Die Selbstbefriedigung ist übrigens auch eine einfache und unproblematische Lösung, wenn der eine Partner stärkere sexuelle Bedürfnisse hat als der andere oder wenn unser Partner gerade einmal nicht an Sex interessiert oder nicht da ist.
Doch bei der Selbstbefriedigung fehlt per definitionem die Beziehung zu jemand anderem. Es gibt keinen Energieaustausch, keine Verletzlichkeit, keine Vertrautheit. Wer nach diesem Ventil süchtig ist, obwohl er einen sexuell verfügbaren Partner hat, sollte vielleicht einmal darüber nachdenken, ob genügend Offenheit und Kommunikation in seiner Beziehung herrschen, und versuchen, tiefere Ebenen der sexuellen Nähe zu erforschen.
Je weniger innere Blockaden wir haben, um so weniger zwingend ist unser Bedürfnis nach Orgasmus. Und je weniger wir selbst brauchen, um so mehr können wir unserem Partner geben. Dadurch wird das Gefühl der Nähe in unserer sexuellen Beziehung intensiver. Etwas anderes ist es, wenn unser Drang nach Orgasmus unterdrückt ist, weil wir Hemmungen haben, sexuell blockiert sind, unsere sexuellen Triebe verdrängen oder aus einem Schuldkomplex heraus versuchen, enthaltsam zu leben. Solche Menschen brauchen unter Umständen die Hilfe eines Therapeuten.

Die Kombination mehrerer Ventile

Nehmen wir unser Leben einmal unter die Lupe, werden wir vielleicht feststellen, daß wir häufig gleich mehrere verschiedene Ventile zum Streßabbau benutzen. Wir überfordern uns zum Beispiel beim Sport, um einen Ausgleich für unser exzessives Essen zu schaffen. Wir stehen beim Geschlechtsverkehr häufig unter Alkohol oder Drogen, oder wir kombinieren Sex und Sport miteinander. Wenn wir einen Blick auf die dunklere Seite der menschlichen Psyche werfen, sehen wir häufig Verbindungen zwischen Drogen, Verbrechen, Grausamkeiten und anderen Verhaltensweisen, bei denen ein hohes Risiko im Spiel ist. Wir alle müssen uns so lange mit dem menschlichen Dilemma des Zwangsverhaltens und der Süchte auseinandersetzen, bis wir die innere Arbeit beendet haben, die notwendig ist, um unsere Blockaden in Körper, Denken und Emotionen beiseite zu räumen.
 

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"Die goldenen Regeln des Friedvollen Kriegers" von Dan Millman

Sucht oder nicht?

Wie ich bereits gezeigt habe, ist nicht jeder, der sich eines bestimmten Ventils bedient – der ab und zu ein Gläschen trinkt, hin und wieder einmal krank wird, Sport treibt, mal etwas Illegales getan hat, zuviel ißt, einen geliebten Menschen verletzt oder einen Orgasmus hat –, unbedingt gleich nach diesem Ventil süchtig. Zwischen Sucht – oder Zwangsverhalten und «normalen» Aktivitäten läßt sich keine klare Linie ziehen. Wir können nur sagen, daß wir uns verhältnismäßig frei von Zwangsverhalten oder aber verhältnismäßig unfrei fühlen.
Allgemein kann man sagen, wenn eines dieser Ventile unser Leben beeinträclhtigt – unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Gesundheit oder unser Wohlbefinden –, wenn wir viel daran denken, obwohl wir es gerade nicht benutzen, dann fällt dieses Verhalten wahrscheinlich schon in den Bereich der Zwangsverhalten und Süchte.
Manche Menschen befinden sich hart an der Grenze zur Sucht, ohne es zu erkennen. Denjenigen, die ihre Sucht nicht wahrhaben wollen, rate ich zu einem einfachen Test. So können sie leicht feststellen, ob ihr Verhalten auf freier Entscheidung basiert oder bereits zwanghaft geworden ist: Unterlasse die betreffende Aktivität (oder Aktivitäten) einmal eine oder zwei Wochen lang, und achte darauf, wie du dich dabei fühlst. (Bei zwanghaften Eßphasen, die periodisch wiederkehren, ist unter Umständen eine längere Pause notwendig.) Wenn schon der Gedanke, dieses Ventil nicht mehr benutzen zu dürfen, in einem Angst auslöst, sollte man sich die Herausforderungen und Chancen, die einen erwarten, vielleicht doch einmal genauer ansehen.

Benutzen wir eines oder mehrere der beschriebenen Ventile schon so exzessiv, daß die Grenzlinie zum echten Zwangs – oder Suchtverhalten überschritten ist, dann hat unser Bewußtes Selbst die Kontrolle über unser Verhalten verloren. Unser Basis-Selbst gibt der Sucht nach und wehrt sich gegen jeden Versuch, etwas daran zu ändern. Anfangs will das Bewußte Selbst vielleicht nicht wahrhaben, daß das Verhalten zur Sucht geworden ist. Es glaubt, «alles unter Kontrolle zu haben und jederzeit aufhören zu können» – so lange, bis es tatsächlich versucht aufzuhören. Dann beginnt ein heroischer Kampf um die Rückkehr zu Würde und Selbstwertgefühl, die Rückkehr zum Leben. Unsere besten Vorsätze helfen nichts, und unser Wille scheint völlig machtlos zu sein. Wir versuchen es immer wieder – ein Kreislauf von Erfolg und Mißerfolg: «Ich möchte ja so gern aufhören, aber ich schaffe es einfach nicht» –, und ein Gefühl der Hilflosigkeit oder gar Hoffnungslosigkeit beschleicht uns. Dabei könnten wir aufhören, aber nicht mit Hilfe der guten Vorsätze oder Entschlüsse unseres Bewußten Selbst. Wir hören erst dann auf, wenn wir wirklich verzweifelt sind und es uns ganz fest vorgenommen haben, wenn eine Kraft oder Inspirationsquelle, die mächtiger ist als unser Ich, die Führung übernimmt und unser Basis-Selbst sich einem höheren Willen unterwirft. Wenn wir den Bergpfad des Kriegers hinaufsteigen wollen, müssen wir uns den Hindernissen entgegenstellen, die auf dem Weg zur Selbstbeherrschung liegen.

 

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