Das Buch Henoch – Uralte Geheimnisse über Engel, Menschen und Nephilim

Das Buch Henoch ist eines der faszinierendsten und zugleich rätselhaftesten Schriften der Menschheitsgeschichte – in der westlichen Bibel ausgelassen, in der äthiopischen Tradition jedoch voll integriert.
Das Buch Henoch ist ein altes jüdisches religiöses Werk, das der Überlieferung nach Henoch, dem Urgroßvater Noahs, zugeschrieben wird, obwohl moderne Wissenschaftler vermuten, dass die älteren Abschnitte (hauptsächlich im Buch der Wächter) etwa aus dem Jahr 300 v. Chr. stammen und der jüngste Teil (das Buch der Gleichnisse) wahrscheinlich auf das Ende des ersten Jahrhunderts v. Chr. zurückgeht.
Es ist kein Teil des biblischen Kanons, wie er von Juden – mit Ausnahme der äthiopisch-jüdischen Gemeinschaft der Beta Israel – verwendet wird. Die meisten christlichen Konfessionen und Traditionen erkennen den „Büchern Henochs“ zwar ein gewisses historisches oder theologisches Interesse oder eine gewisse Bedeutung zu, betrachten sie jedoch im Allgemeinen als nicht-kanonisch oder nicht-inspiriert.
Von der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche und der Eritreisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche werden sie als kanonisch angesehen, jedoch von keiner anderen christlichen Gruppe. Es ist vollständig nur in der Sprache Ge’ez (der alten liturgischen Sprache Äthiopiens) erhalten, mit aramäischen Fragmenten aus den Schriftrollen vom Toten Meer sowie einigen wenigen griechischen und lateinischen Fragmenten. Aus diesem und anderen Gründen geht der traditionelle äthiopische Glaube davon aus, dass die Originalsprache des Werks Ge’ez war. Im 4. Jahrhundert wurde das Buch Henoch größtenteils aus den christlichen Kanons ausgeschlossen und wird heute nur noch von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche und der Eritreisch-Orthodoxen Kirche als Heilige Schrift angesehen.
Das Buch Henoch wurde im Barnabasbrief (16,4) und von vielen frühen Kirchenvätern wie Athenagoras, Clemens von Alexandria, Irenäus und Tertullian als heilige Schrift angesehen; letzterer schrieb um das Jahr 200, dass das Buch Henoch von den Juden abgelehnt worden sei, weil es Prophezeiungen über Christus enthalte.
Das henochische Judentum
Die wichtigsten Besonderheiten des henochischen Judentums sind die folgenden:
- die Vorstellung, dass der Ursprung des Bösen in den gefallenen Engeln liegt, die auf die Erde kamen, um sich mit menschlichen Frauen zu vereinigen. Diese Wächter oder gefallenen Engel gelten als letztendlich verantwortlich für die Ausbreitung des Bösen und der Unreinheit auf der Erde;
- das Fehlen formaler Parallelen zu den spezifischen Gesetzen und Geboten der mosaischen Tora sowie von Hinweisen auf Themen wie die Einhaltung des Schabbats oder den Ritus der Beschneidung im Buch Henoch. Der Bund am Sinai und die Tora spielen im Buch Henoch keine zentrale Rolle;
- das Konzept des „Endes der Tage“ als Zeit des Jüngsten Gerichts, das an die Stelle der versprochenen irdischen Belohnungen tritt;
- die Ablehnung der als unrein angesehenen Opfer des Zweiten Tempels – der wieder aufgebaute Tempel:
Der erste Tempel wurde nach der biblischen Überlieferung von König Salomo erbaut. Er war bis 586 v. Chr. das religiöse Zentrum Israels, 586 v. Chr. eroberten die Babylonier Jerusalem, der Tempel wurde zerstört und viele Juden wurden nach Babylon verschleppt –Babylonisches Exil. Etwa 50 Jahre später erlaubte der Perserkönig Kyros II. den Juden die Rückkehr. Daraufhin wurde der Zweite Tempel errichtet (ca. 516 v. Chr.). Dieser Tempel bestand bis zu seiner Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr.
Laut Henoch 89,73 errichteten die Juden nach ihrer Rückkehr aus dem Exil „jenen Turm (Tempel) und begannen erneut, einen Tisch vor dem Turm aufzustellen, doch alles Brot darauf war verunreinigt und nicht rein“; - ein Sonnenkalender im Gegensatz zum Mondkalender, der im Zweiten Tempel verwendet wurde (ein sehr wichtiger Aspekt für die Festlegung der Daten religiöser Feste);
- ein Interesse an der Engelwelt, das das Leben nach dem Tod einschließt.
Die Essener
Der Zusammenhang zwischen 1. Henoch und den Essenern wurde bereits vor der Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer festgestellt. Während Einigkeit darüber herrscht, die in Qumran gefundenen Abschnitte des Buches Henoch als Texte zu betrachten, die von den Essenern verwendet wurden, ist dies bei den nicht in Qumran gefundenen Henoch-Texten (hauptsächlich das Buch der Gleichnisse) nicht so eindeutig: Es wurde vorgeschlagen, diese Teile als Ausdruck der allgemein vorherrschenden, aber nicht-qumranischen essenerischen Bewegung zu betrachten.
Die wichtigsten Besonderheiten der nicht-Qumranischen Abschnitte von 1 Henoch sind die folgenden:
- ein Messias namens „Menschensohn“ mit göttlichen Eigenschaften, der vor der Schöpfung gezeugt wurde, der beim Jüngsten Gericht direkt eingreifen und auf einem Thron der Herrlichkeit sitzen wird (1. Henoch 46,1–4; 48,2–7; 69,26–29)
- die Sünder werden in der Regel als die Reichen und die Gerechten als die Unterdrückten dargestellt (ein Thema, das wir auch in den Salomon-Psalmen finden).
Der gefallene Azazael
Einige der gefallenen Engel, die im 1. Henoch-Buch genannt werden, tragen andere Namen, wie beispielsweise Rameel („Morgen Gottes“), der zu Azazael wird und in Kapitel 68 auch Gadriel („Mauer Gottes“) genannt wird. Ein weiteres Beispiel ist, dass Araqiel („Erde Gottes“) in Kapitel 68 zu Aretstikapha („Welt der Verzerrung“) wird. „Azaz“ wie in Azazael bedeutet Stärke, daher kann der Name Azazel auf die Stärke Gottes verweisen.
In dem Sinne, in dem er verwendet wird, bedeutet er jedoch höchstwahrscheinlich „vermessen“ (Stärke gegenüber jemandem zeigen), was gegenüber Gott als arrogant wirkt. Dies ist auch ein entscheidender Punkt dafür, dass er im modernen Denken als Satan angesehen wird. Nathaniel Schmidt stellt fest: „Die Namen der Engel beziehen sich offenbar auf ihren Zustand und ihre Funktionen vor dem Sündenfall“, und listet die wahrscheinliche Bedeutung der Engelsnamen im Buch Henoch auf, wobei er anmerkt, dass „die meisten von ihnen aramäisch sind“.
Henoch
Henoch ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die damals auf Erden lebten. Er war der 7. Nachkomme Adams.
Die Genealogie lautet:
- Adam
- Seth
- Enos
- Kenan
- Mahalalel
- Jared
- Henoch
- Methusalem
- Lamech
- Noah
Aufgrund seines Glaubens brauchte er den Tod nicht erfahren. Er wurde zu Gott entrückt und auf Erden nicht mehr gefunden. In seinem Buch berichtet er über die gefallenen Wächter-Engel und deren mit Menschenfrauen gezeugten Kinder– den Nephilim. Diesen Engeln sagte er ihre von Gott gegebene Strafe an und die kommende Sintflut, die auch ihre Kinder und Kindeskinder in den Wassern sterben lassen würde.
Das Henoch-Buch beeinflusste die Autoren der Bibel wie kaum ein anderes. Da die in Qumran gefundenen Schriftrollen auf das 2. oder 3. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen, kann auch gesagt werden, dass die apokalyptischen Schilderungen in diesem Buch älter sind als die Offenbarungen des Johannes und die des Propheten Daniel. Christen des 1. Jahrhunderts sahen das Buch Henoch als inspiriert, wenn nicht sogar als authentisch an.
Einige Ausleger vermuten, dass Noah das Buch Henoch in der Arche aus der alten Welt durch die Sintflut hindurch in die neue Welt mitnahm. Das ist aber nur eine Hypothese, die sich nicht aus den überlieferten Texten herleiten lassen.
Die gefallenen Engel – „Wächter“
Henoch beschreibt eine Gruppe von 200 himmlischen Wesen, genannt Wächter („Watchers“), die von Gott beauftragt waren, die Menschheit zu beobachten und zu leiten. Statt treu zu bleiben, stiegen sie jedoch zur Erde herab – ein himmlischer „Ungehorsam“, der alles veränderte. Ihr Anführer Semjâzâ und andere hochrangige Engel schlossen einen Pakt, sich mit menschlichen Frauen zu verbinden, obwohl dies verboten war.
Engel im Neuen Testament
In den Evangelien sagt Jesus über die Auferstandenen:
„Sie heiraten nicht und werden nicht verheiratet, sondern sind wie die Engel im Himmel.“
Markus 12,25 und Matthäus 22,30
Diese Aussage wird oft so verstanden, dass Engel keine Fortpflanzung kennen.
Gerade deshalb ist die Geschichte der Wächter im Henochbuch so außergewöhnlich: Sie überschreiten diese Grenze.
Die Nephilim – Riesen der Urzeit
Aus diesen Verbindungen entstanden die Nephilim – gigantische, oft furchteinflößende Wesen. Laut Henoch waren sie nicht nur physisch übermenschlich, sondern auch extrem mächtig. Sie beherrschten die Menschen, lehrten Kriegskunst und Technologie, und ihre Gier nach Macht und Blut führte zu Chaos und Zerstörung.
In Numeri (4. Mose) 13,33 steht:
Und dort sahen wir die Nephilim, die Söhne Anaks aus dem Geschlecht der Nephilim; und wir kamen uns selbst klein wie Heuschrecken vor und auch ihnen erschienen wir so.“
Die Ähnlichkeit der Bezeichnungen Anaks und Anunnaki fällt schon sehr ins Auge. Einige moderne Autoren – etwa Lisa Renee oder zuvor Zecharia Sitchin – identifizieren die im Henochbuch beschriebenen Wächter mit den mesopotamischen Anunnaki. Diese Gleichsetzung findet sich jedoch nicht im Henochbuch selbst und wird von der historischen Forschung nicht als gesichert angesehen.
Das verbotene Wissen
Die gefallenen Engel brachten den Menschen Fähigkeiten, die bis dahin „himmlisches Eigentum“ waren:
- Metallverarbeitung und Waffenschmieden
- Schmuckherstellung und Kosmetik
- Astronomie und Kalenderkunde
- Kräuterkunde – auch für magische oder toxische Zwecke
- Geheimnisse der „Zeichen am Himmel“
Diese Wissensweitergabe beschleunigte die Zivilisation – aber sie führte auch zu moralischem Verfall. Gott sah die Menschheit durch diesen Eingriff „korrumpiert“ und beschloss, die Erde durch die Sintflut zu reinigen.
Henochs Rolle
Henoch selbst war ein Gerechter, der zwischen Gott und den gefallenen Engeln vermittelte. Er empfing Visionen von den Himmeln, sah Orte der Bestrafung und der Belohnung und erfuhr kosmische Geheimnisse, die selbst heute noch wie fortgeschrittene Wissenschaft wirken. Am Ende wurde er „von Gott entrückt“ – er starb nicht, sondern verschwand aus der irdischen Welt.
Das Buch Henoch wurde im Westen wahrscheinlich entfernt, weil es zu viele Fragen über die Herkunft der Menschheit, den Einfluss nichtmenschlicher Wesen und eine alternative Geschichtslinie aufwirft. Für die äthiopische Kirche hingegen blieb es ein heiliger Schlüsseltext.
Wer Henoch liest, bekommt den Eindruck, dass die offizielle Geschichtsschreibung nur ein Ausschnitt eines viel größeren, kosmischen Dramas ist.
Was hat Henoch gesehen?
Was Henoch sah, war kein Mann mit Flügeln, der an einer Harfe spielte. Er wurde in die höchsten Ebenen getragen und wurde Zeuge von etwas Unvorstellbarem, so überwältigend, dass es seine Sinne zerriss. Er sah den Thron des Höchsten in einem puren und lebenden Licht, es brannte, ohne zu verzehren, umgeben von Feuerrädern, die alles sahen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Es war kein symbolischer Traum, er sah! Und er war nicht der Einzige, der es sah.
Der Thron stand auf leuchtendem Saphir, unterteilt mit Wänden aus Kristallen. Darauf saß ein Wesen ohne Gesicht, ohne Körper, sondern ein Energiewirbel der Heiligkeit, umhüllt von einer Robe aus weißen Flammen, heller als tausend Sonnen, Augen aus Feuer, die in Henochs Seele blickten, die ihn in viele Teile zerreißen konnte. Kein Engelschor, keine Wärme. Henoch brach zusammen und er glaubte, dem Tode nahe zu sein. Seine Seele wurde aus seinem Körper gerissen, hinaufgezogen zu den anderen Wesen, die neben der Heiligkeit standen. Dasselbe passierte auch Arjuna, als er Krishnas wahre Form sah und ihn ähnlich beschrieb.

Der Thron war umgeben von drehenden Feuerrädern, die sich in alle Richtungen drehten, die sich Ophanim nannten, Mechanismen der Bewusstheit, bestückt mit Augen darin. Wiederum dahinter standen die Beobachter und Seraphim, Wesen mit sechs Flügeln. Jedes ihrer Flügel waren mit vielen Augen bestückt. Sie besaßen keine Münder, sie bewegten sich nicht und waren bloße Existenz und Zeugen des heiligen Gerichts. Ihr Schweigen sagte alles, niemand musste Fragen stellen, alles war offenbart.
Als das hohe Wesen sprach, benutzte es keine Worte. Henoch vernahm dessen Stimme bis in die Knochen. Sie war geräuschlos, aber sie fuhr durch ihn hindurch wie eine unendliche Schockwelle. Die Realität war vollständig entrückt, die Luft war zerrissen und die Wände der Kammer schimmerten wie Wasser. Dies war ein Bewusstsein, das sich als eine brennende Macht jenseits jeder existenten Spezies, Sprache, Worte und Vorstellungskraft zeigte.
Auszüge aus dem Buch Henoch
Wenn man sich das Buch Henoch so durchliest, wirkt es so, als lese man einen Ausschnitt aus einem verheerenden Krieg zwischen den Engeln Gottes und den Rebellen, die Nephilim. Die Nephilim wollten auf der Erde bleiben und sich mit den hübschen Frauen vermählen, dort sesshaft werden und ihre Kinder großziehen. Doch dies stand sehr im Widerspruch zu den Absichten des Anführers der Himmelswesen.
Die gefallenen Engel
Kapitel 6
Und es begab sich: Als sich die Menschenkinder vermehrt hatten, wurden ihnen in jenen Tagen schöne und anmutige Töchter geboren. Und die Engel, die Söhne des Himmels, sahen sie und begehrten sie und sprachen zueinander: „Kommt, lasst uns uns Frauen aussuchen aus den Menschenkindern und uns Kinder zeugen.“
Und Semjaza, der ihr Anführer war, sprach zu ihnen: „Ich fürchte, ihr werdet dieser Tat nicht zustimmen, und ich allein werde die Strafe für eine große Sünde tragen müssen.“
Und sie alle antworteten ihm und sprachen: „Lasst uns alle einen Eid schwören und uns durch gegenseitige Flüche verpflichten, diesen Plan nicht aufzugeben, sondern diese Sache zu vollbringen.“ Da schworen sie alle gemeinsam und verpflichteten sich durch gegenseitige Flüche dazu.
Sie waren insgesamt zweihundert. Sie stiegen herab in den Tagen Jareds auf den Gipfel des Berges Hermon. Sie nannten ihn Berg Hermon, weil sie auf ihm geschworen und sich durch gegenseitige Flüche verpflichtet hatten.
Und dies sind die Namen ihrer Anführer: Semjaza, ihr Oberster, Arakib, Aramiel, Kokabiel, Tamiel, Ramiel, Danel, Ezeqiel, Baraqiel, Asael, Armaros, Batariel, Ananiel, Zaqlel, Sampsiel, Satariel, Turiel, Jomiel, Araziel. Das sind ihre Dekarchen (Führer über zehn).
Kapitel 7
Diese und alle anderen mit ihnen nahmen sich Frauen, und jeder wählte sich eine aus, und sie begannen, zu ihnen zu gehen und sich mit ihnen zu verunreinigen.
Und sie lehrten sie Zaubersprüche und Beschwörungen sowie das Schneiden von Wurzeln und machten sie mit den Pflanzen vertraut. Und jene wurden schwanger und gebaren mächtige Riesen, deren Größe dreitausend Ellen betrug; diese verzehrten allen Erwerb der Menschen. Und als die Menschen sie nicht länger ernähren konnten, wandten sich die Riesen gegen sie und verschlangen die Menschen selbst.
Und sie fingen an, sich an Vögel, Tiere, Kriechtiere und Fische zu versündigen und begannen untereinander ihr eigenes Fleisch zu verschlingen und davon das Blut zu trinken. Da erhob die Erde Anklage gegen die Gesetzlosen.
Kapitel 8
Und Azazel lehrte die Menschen, Schwerter, Messer, Schilde und Brustpanzer herzustellen, und machte ihnen die Metalle der Erde und die Kunst ihrer Bearbeitung bekannt, ebenso wie Armbänder, Schmuckstücke, die Verwendung von Antimon zum Verschönern der Augenlider, alle Arten kostbarer Steine und alle Farbstoffe.
Und es herrschte eine große und allgemeine Gottlosigkeit, und sie begingen Unzucht und gingen in der Irre und wurden verdorben in all ihren Wegen.
Semjaza lehrte Zaubersprüche und das Schneiden von Wurzelstöcken, Armaros das Aufheben von Zaubersprüchen, Baraqiel lehrte Astrologie, Kokabiel die Sternbilder, Ezeqiel das Wissen über die Wolken, Arakib die Zeichen der Erde, Shamsiel die Zeichen der Sonne und Sariel den Lauf des Mondes.
Und als die Menschen umkamen, stieg ihr Schreien zum Himmel empor.
4,12 Und zu Gabriel sprach der Herr: „Gehe gegen die Bastarde und die Verworfenen und gegen die Kinder der Unzucht vor und tilge die Kinder der Wächter unter den Menschen. Schick sie gegeneinander, damit sie sich im Kampf gegenseitig vernichten, denn langes Leben werden sie nicht haben. Und keine Bitte, die sie an dich richten, wird ihren Vätern für sie gewährt werden; denn sie hoffen auf ewiges Leben und darauf, dass jeder von ihnen fünfhundert Jahre leben wird.“
94,11 (Und Henoch hörte den Erzengel sprechen:) „Ihr habt Gotteslästerung und Ungerechtigkeit begangen und seid bereit für den Tag des Schlachtens, den Tag der Finsternis und den Tag des großen Gerichts. Darum sage und verkünde ich euch: Er, der euch erschaffen hat, wird euch vernichten, und es wird kein Erbarmen mit euch geben wegen eures Falls, und euer Schöpfer wird sich über eure Vernichtung freuen. Und eure Gerechten werden in jenen Tagen den Sündern und Gottlosen zum Spott gereichen.“
Ein interessanter „Gott“, mit dem wir es hier zu tun haben, der Vernichtung schickt und sich über diese freut. Für ein langes Leben stand er jedenfalls nicht ein. Für diesen „Gott“ lebten sie allesamt auf der Erde viel zu lang. Dies erkennt man auch an den Aufgaben des Engels namens Phanuel (s. u.).
40,8–10 Danach fragte ich den Engel des Friedens, der mit mir gegangen war und mir alles Verborgene gezeigt hatte: „Wer sind diese vier Gestalten, die ich gesehen und deren Worte ich gehört und aufgeschrieben habe?“
Und er sprach zu mir: »Der erste ist Michael, der Barmherzige und Langmütige; der zweite aber, der gesetzt ist über alle Krankheiten und alle Wunden der Menschenkinder, ist Raphael; der dritte aber, der gesetzt ist über alle Mächte, ist Gabriel; der vierte aber, der gesetzt ist über die Umkehr zur Hoffnung derer, die das ewige Leben erben, heißt Phanuel.«
86,1–3 Und ich sah andere Gestalten, die an diesem Ort verborgen waren. Ich hörte die Stimme des Engels sprechen: „Dies sind die Engel, die zur Erde herabgestiegen sind und den Menschenkindern das Verborgene offenbart und die Menschenkinder zur Sünde verführt haben.“
Diese Stelle ist besonders interessant, weil sie noch einmal den zweiten Aspekt der Wächtergeschichte betont: Nicht nur die Verbindung mit den Frauen wird als Problem gesehen, sondern auch die Weitergabe von Wissen, das nach Ansicht des Sprechers nicht für die Menschen bestimmt war.
Im Buch der Jubiläen (5,1–11) finden wir übrigens ebenfalls einen Bericht über die Ereignisse, die im Henochbuch geschildert werden: die Verbindung der Engel mit den Menschenfrauen, die Entstehung der Riesen und der folgenden Sintflut.
14-16 Und siehe, sie sündigen und übertreten das Gesetz; sie haben sich mit Frauen verbunden und sündigen mit ihnen; und sie haben einige von ihnen geheiratet und Kinder mit ihnen gezeugt. Und sie werden auf Erden Riesen hervorbringen, nicht nach dem Geist, sondern nach dem Fleisch, und es wird eine große Strafe über die Erde kommen, und die Erde wird von aller Unreinheit gereinigt werden. Ja, es wird eine große Vernichtung über die ganze Erde kommen, und es wird eine Sintflut und eine große Vernichtung für ein Jahr geben.
„Gott“ will folgsame Menschen
69,4-11 „Der Name des ersten ist Jeqon: das ist der, der die Söhne Gottes verführte und sie auf die Erde herabstieß und sie durch die Töchter der Menschen verführte. Der zweite aber hieß Asbeel; er gab den heiligen Söhnen Gottes böse Ratschläge und verführte sie, sodass sie ihre Leiber mit den Töchtern der Menschen verunreinigten. Der dritte aber hieß Gadreel, er zeigte den Menschenkindern alle tödlichen Waffen und verführte Eva. Er zeigte ihnen Schild, Panzerhemd, Schwert und alle Waffen des Todes. Von diesem Tag an und in Ewigkeit werden sie gegen die Bewohner der Erde eingesetzt.
Und der vierte hieß Penemue. Er lehrte die Menschenkinder Bitteres und Süßes und alle Geheimnisse ihrer Weisheit. Er lehrte die Menschheit das Schreiben mit Tinte und Papier, und dadurch sündigten viele von Ewigkeit zu Ewigkeit bis auf den heutigen Tag. Denn die Menschen wurden nicht zu einem solchen Zweck geschaffen, ihren Glauben mit Feder und Tinte zu bezeugen. Sie wurden vielmehr den Engeln gleich geschaffen, um gerecht und rein zu bleiben, und der alles vernichtende Tod hätte sie nicht berührt. Doch durch diese Erkenntnis gehen sie zugrunde, und diese Macht verzehrt sie.
Wenn diese „bösen“ Wächter die Menschen auf der Erde unterrichteten, warum machten sie dies? Hatten sie als sie zur Erde kamen, um dort zu leben, tatsächlich Böses im Sinn? Die Situation lässt sich vergleichen mit der Geschichte von Enki und Enlil. Der eine will die Menschen zu Wissen und Selbsterkenntnis verhelfen (die „Schlange“ im Garten Eden), und der andere will die Menschen begrenzt halten.
Die Argumentation lautet: Wenn der Mensch niemals vom Baum der Erkenntnis gegessen hätte, wäre er zwar unschuldig geblieben, aber auch ohne echtes Bewusstsein und ohne freie moralische Entscheidung. Diese Sicht sieht den „Fall“ eher als Erwachen. Nun ist die Frage: Wer ist der tatsächliche Aggressor in diesem heiligen Kampf?
Die Wächter werden nicht nur zerstörerisch dargestellt. Sie bringen den Menschen tatsächlich Wissen:
- Metallverarbeitung,
- Astronomie,
- Kalenderwissen,
- Pflanzen- und Naturkenntnisse.
Aus einer modernen Perspektive könnte man sagen: Sie erscheinen teilweise wie Kulturbringer.
Der Autor des Henochbuches sieht darin aber kein Geschenk, sondern Wissen zur falschen Zeit und ohne göttliche Erlaubnis.
68,4 Und als er vor dem Herrn der Geister stand, sprach Michael zu Raphael: „Ich will nicht Partei für sie ergreifen vor dem Herrn; denn der Herr der Geister (Gott) ist zornig auf sie, weil sie sich aufführen, als wären sie der Herr.“
Hatte Michael Zweifel an den Absichten „Gottes“? Im ersten Satz spricht er zu Raphael und meint, dass er nicht Partei vor dem Herrn ergreifen wolle, d.h. verstand er die Rebellen und ihre Absichten, doch traute er sich nicht, das vor dem Herrn zu sagen?
Henochs Trauer
Der Text beschreibt Henoch als mitfühlenden Menschen und Vermittler. Im Folgenden betrauert Henoch das Unheil, das über die Menschen kommen wird.
83,10–11 Dies ist die Vision, die ich im Schlaf sah; und als ich erwachte, pries ich den Herrn der Gerechtigkeit und gab ihm Ehre. Da weinte ich sehr, und meine Tränen hörten nicht auf, bis ich es nicht mehr ertragen konnte; als ich sah, flossen sie wegen dem, was ich gesehen hatte; denn alles wird kommen und sich erfüllen, und mir wurden alle Werke der Menschen in ihrer Ordnung gezeigt. In jener Nacht erinnerte ich mich an den ersten Traum, und deswegen weinte ich und war beunruhigt – weil ich diese Vision gesehen hatte.
Henoch sieht eine Vision von der kommenden Vernichtung. Er sieht die bevorstehende Katastrophe (die Sintflut).
Nach dem Erwachen preist er Gott. Dann weint er, weil er erkennt, was geschehen wird.
91,7–9 Denn ich weiß, dass die Gewalt auf Erden zunehmen muss und eine große Strafe auf Erden vollzogen werden muss, und dass alle Ungerechtigkeit ein Ende nehmen wird; ja, sie wird an ihren Wurzeln ausgerottet und ihr ganzes Gefüge zerstört werden. Wenn aber Sünde, Ungerechtigkeit und Lästerung und die Gewalt in all ihren Formen zunimmt, und Abfall vom Glauben, Übertretung und Unreinheit zunehmen, wird eine große Strafe vom Himmel über all diese kommen. Und der heilige Herr wird kommen mit Zorn und Strafe, um das Gericht auf Erden zu vollstrecken.
Diese Passage gehört nicht mehr direkt zur Sintflut, sondern ist eine Übertragung des Sintflut-Musters auf die Endzeit:
Damals:
Verderbnis → Sintflut → Reinigung
In der Zukunft:
zunehmende Gewalt und Ungerechtigkeit → Gericht → Erneuerung
Das Interessante ist: Henoch wird nicht als jemand dargestellt, der sich über die Vernichtung der Sünder freut. Im Gegenteil.
Die Wächter bitten ihn: „Schreibe für uns eine Bittschrift.“ Sie wissen, dass Henoch bei Gott besondere Nähe besitzt. Aber Gott lehnt die Bitte ab.
Später klagt Henoch über das Gericht. Er nimmt also eine Art Vermittlerrolle ein:
Er ist menschlich und versteht das Leid. Er steht aber auch auf der Seite der göttlichen Ordnung. Das erinnert an andere biblische Figuren:
- Abraham bittet für Sodom und Gomorra.
- Moses bittet Gott, Israel nach der Sünde mit dem goldenen Kalb zu verschonen.
- Jeremia klagt über das kommende Gericht.
Die Rolle des Propheten ist häufig nicht, das Gericht begeistert anzukündigen, sondern die Tragik darin zu erkennen.
Die Nephilim leben fort als Dämonen
Dies ist tatsächlich eine der wichtigsten Stellen des gesamten Henochbuches, weil sie erklärt, woher die bösen Geister nach der Sintflut kommen. Sie wird oft übersehen, gehört aber zu den einflussreichsten Gedanken der Henoch-Tradition.
Man findet sie in:
Henoch 15,8–12
(je nach Ausgabe auch 15,8–16)
Dort spricht Gott (durch Henoch) zu den gefallenen Wächtern. Sinngemäß heißt es:
Die Riesen (Nephilim), die aus der Verbindung von Geist und Fleisch entstanden sind, werden nach ihrem Tod zu bösen Geistern auf der Erde. Ihre Körper gehen zugrunde, aber ihre Geister bleiben auf der Erde und bringen weiterhin Unheil über die Menschen.
H. Charles übersetzt beispielsweise:
„Die Geister der Riesen … werden zu bösen Geistern auf der Erde werden.“
Weiter heißt es:
- sie unterdrücken,
- sie kämpfen,
- sie richten Verwüstung an,
- sie hungern,
- sie dürsten,
- obwohl sie keinen Körper mehr besitzen.
Das ist der Ursprung der späteren jüdischen Vorstellung, dass Dämonen die Geister der verstorbenen Nephilim sind.
Warum ist das so bedeutsam?
In der Bibel wird eigentlich nirgendwo erklärt, woher Dämonen stammen.
Das Henochbuch liefert eine Antwort:
- Die Wächter zeugen mit Menschenfrauen die Nephilim.
- Die Nephilim sterben (Sintflut bzw. Gericht).
- Ihre Körper sterben, ihre Geister bleiben.
- Diese körperlosen Geister sind die bösen Geister, die die Menschen weiterhin beeinflussen.
Diese Vorstellung hat später viele jüdische und zum Teil auch christliche Traditionen beeinflusst, obwohl sie nicht Teil des biblischen Kanons wurde.
„Nachdem die Sintflut vorbei ist … bleiben sie ohne Körper auf der Erde und werden zu bösen Geistern.“
– 1. Henoch 15,8–12.
Das beantwortet eine Frage, die sich beim Lesen fast automatisch stellt:
„Wenn die Nephilim in der Sintflut umkommen, warum gibt es später noch böse Geister?“
Nach dem Henochbuch lautet die Antwort:
Weil ihre Körper vernichtet wurden, ihre Geister aber auf der Erde verblieben.
Das ist ein Gedanke, der später beispielsweise auch im Buch der Jubiläen (Kapitel 10) wieder aufgegriffen wird. Dort wird sogar erzählt, dass ein Teil dieser Geister weiterhin auf der Erde wirken darf, während ein anderer Teil gebunden wird. Man sieht daran, wie stark die Henoch-Tradition die spätere jüdische Dämonenvorstellung geprägt hat.
Wie sieht Gott aus?

Auch interessant ist diese grafische Darstellung der Vision „Gottes“ angelehnt an Henochs Beschreibungen. Ein Historischer Stich der Thronvision (Ezechiel/Henoch-inspiriert) mit Cherub, Ophanim-Rad und dem fernen, strahlenden Gott – eine der klassischen Vorlagen.
Gott händigt das Gesetz aus, nach dem alle Menschen leben sollen bzw. wie die Regeln sind und wer sich denen nicht unterwirft, wird vernichtet. Das erinnert doch glatt an die Gesetzesgebung einiger gegenwärtiger Regierungen als an einen lieben Gott, oder?
Es gibt auch Werke von William Blake („Enoch before the Great Glory“), Raphael (Ezechiel-Vision) und viele zeitgenössische AI-/Fantasy-Interpretationen, die noch fremdartiger und lichtintensiver sind. In der streng jüdischen Tradition vermeidet man jede anthropomorphe Darstellung und zeigt nur Licht, den Thron oder Symbole. Im Christentum wurde der „Alte der Tage“ oft mit weißem Haar und Bart gemalt, aber immer als Symbol für die ewige Herrlichkeit.
William Blake (1757–1827) hat sich intensiv mit dem Buch Henoch auseinandergesetzt – vor allem in seinen späten Jahren, als die erste englische Übersetzung (1821) erschien. Er schuf mehrere Zeichnungen und Skizzen, die direkt aus 1. Henoch inspiriert sind, insbesondere die Visionen von Henoch vor der großen Herrlichkeit Gottes („The Great Glory“). Blake verband das Henoch-Motiv auch mit seiner eigenen Mythologie (z. B. dem „Ancient of Days“ als „Urizen“-Figur – ein strenger, schöpferischer Gott mit Zirkel, der in Europe a Prophecy von 1794 erscheint). Er sah Henoch als Propheten der Imagination, der göttliche Geheimnisse aufschreibt – ähnlich wie Blake selbst.

Book of Enoch
Der Bericht von Enoch (engl.) bzw. Henoch (deutsch) beschreibt eine unglaubliche Geschichte. Dennoch ist sie nicht nur faszinierend, sondern aufregend und ziemlich abstrakt. Berichte über Gott, Visionen, Engel, Erzengel, Dämonen, Riesen und Drachen.
Es ist voller halluzinatorischer Visionen von Himmel und Hölle, Engeln und Teufeln, und Henoch führte Konzepte wie das Erscheinen eines Messias, die Auferstehung, ein Jüngstes Gericht und ein himmlisches Königreich auf Erden ein. Der Text beschreibt den Fall der Wächter-Engel, die die als Nephilim bekannten Engel-Mensch-Hybriden zeugten. Dazwischen finden sich quasi einige wissenschaftliche Exkurse über das Kalendersystem, Erdkunde, Kosmologie und Astronomie.
Wenn Sie neugierig geworden sind und sich weiter einlesen möchten: Es gibt im Internet kostenlose copyrightfreie Ausgaben, die Sie online lesen oder downloaden können:
>> The Book of Enoch (PDF, Engl.)
Quellen:
Wikipedia
Ascension Glossary
Matrixblogger
Archiv
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