Wieviel soll man wirklich trinken?

In Deutschland lernt man von früh auf, dass man immer viel trinken soll. Dr. Mhalank aus Lokamanya Nagar in Indien über die Trinkgewohnheiten der Europäer und was im Ayurveda dazu empfohlen wird.
 


 



Es war Winterzeit in Indien. Daher war die Luft ziemlich kühl und die Sonne angenehm warm. Zum ersten Mal im Leben musste ich so viele Ausländer auf einmal behandeln. Den ganzen Tag war ich mit Therapien und Konsultationen beschäftigt und musste sehr viele Fragen über indische Kultur, Ayurveda, ayurvedische Prinzipien und Behandlungsmethoden beantworten. Obwohl anstrengend, hatte es mir Freude gemacht.

Viele von den Patienten waren Europäer. Jeden Tag hatte ich sie beobachtet. Was für mich damals neu war und überrascht hatte, war ihre Trinkgewohnheit. Egal, ob sie sich ausgeruht, ein Buch gelesen, ferngesehen, Vortrag gehört oder sich unterhalten hatten, hatten sie immer ein Glas mit Kräutertee oder Wasser oder einem anderen Getränk in der Hand. Immer wieder hatten sie irgendwelche Getränke getrunken. Jeden Tag waren mehrere solcher Gläser schon leer! “Wieso haben sie so viel Durst ?” dachte ich mir. Es war Winterzeit in Indien, die Jahreszeit wenn wir eigentlich minimalen Durst bekommen. Im Vergleich zu ihnen hatte ich noch nicht mal 50% Wasser oder Kräutertee getrunken, obwohl ich den ganzen Tag geredet und gearbeitet hatte. Und hier waren die Leute, die sich den ganzen Tag nur ausgeruht hatten und dennoch doppelt soviel wie ich getrunken hatten. Hatte ihr Körper wirklich so viel Flüssigkeit verlangt, so dass sie nach jeder halben Stunde ein Glas Flüssigkeit austrinken mussten? Viele von ihnen hatten solche Krankheiten, in denen zu viel Trinken nach ayurvedischen Behandlungsprinzipien völlig kontraindiziert war. Doch, während der Konsultationen hatte ich sie aber nicht gewarnt, dass sie nicht unnötig trinken sollten. Denn, ich hatte erwartet, dass sie immer auf ihren eigenen körperlichen Bedarf achten würden und nur dann trinken würden, wenn sie wirklich solchen Bedarf hatten. Hier konnte ich aber sehen, dass sie innnerhalb der halben Stunde ein Glas ausgetrunken hatten, obgleich sie den ganzen Tag nur sitzengeblieben waren. Das fand ich sehr erstaunlich!

Warum hatten diese Menschen nicht auf eigenen Bedarf geachtet? Sie waren keine kleinen Kinder, dass jemand ihnen das beibringen musste. Tatsächlich war das das wenigste und einfachste, das sie für ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlbefinden tun konnten, aber in der Realität nicht getan hatten. Ihre Erziehung und Gesellschaft waren dafür verantwortlich! ‘Man muß sehr viel trinken’, das ist was sie immer gehört, geglaubt und befolgt hatten. So waren sie seit ihrer Kindheit immer gelehrt, geführt und erzogen worden.

Jetzt waren sie aber plötzlich in einer anderen Umgebung, wo sie eine andere Disziplin und andere Prinzipien befolgen mussten, einen anderen Standpunkt verstehen mussten und nach eigener Konstitution leben und sich ernähren mussten. Sie waren völlig unbekannt, dass sie in Laufe der Zeit zu viel getrunken hatten und deswegen ihre meisten gesundheitlichen Probleme bekommen hatten. In nachfolgender Zeit musste ich ihnen das mehrmals erklären. Es war nicht einfach, die Patienten mit ayurvedischen Prinzipien zu überzeugen. Was sie jahrelang gehört, akzeptiert und befolgt hatten, wurde jetzt von einem jungen Inder plötzlich widersprochen. Viele Kranke waren selbst Schulmediziner, Zahnärzte, Krankenpfleger oder Physiotherapeuten von Beruf. Ayurvedische Philosophie war ihnen total neu, unbekannt und fremd.

Ayurveda verschreibt nicht die gleichen Regeln, Menge oder Lebenstil für alle wie die Schulmedizin meistens tun. Viele Dinge ändern sich im Ayurveda je nach der Konstitution, Alter, Jahreszeit, Beruf usw.

Folgende Punkte sind wichtig:

Menschen mit Pitta-Konstitution verlangen normalerwiese mehr Flüssigkeit. Weil sie mehr vom Feuer-Element in ihrer Konstitution haben, verlieren sie das Wasserelement mehr durch den Schweiß, Urin und Stuhl. So fühlen sie sich häufig durstig und brauchen relativ viel zu trinken. Nach Ayurveda ist das normale Wasser kalt in der Potenz, reduziert Hitze im Körper und vermehrt Kapha. Vata- und Kapha-Konstitutionen enthalten nicht so viel Feuerelement wie die Pitta-Konstitution und deshalb brauchen sie Flüssigkeit nicht in so vielen Mengen wie die Pitta-Konstitution sie braucht. Leute mit Vata- oder Kapha-Konstitutionen haben deswegen relativ wenig Durst. Die Angst, dass die Nierenfunktion gestört wird, wenn man weniger als 2 Liter trinkt, ist absolut falsch und übertrieben. Diese Grenze ist nicht gleich für alle Menschen; sie ändert sich je nach der Konstitution. Menschen der Pitta-Konstitution leiden viel schneller und früher an Wassermangel  als Menschen der Vata-oder Kapha-Konstitution.

>> mehr zu den Ayurveda-Typen Vata, Pitta, Kapha hier

Ayurveda legt sehr viel Wert auf natürliche Dränge wie Hunger, Durst usw. Durch solche Dränge sagt der Körper uns Bescheid, was er braucht. Also sollen diese natürlichen Dränge nie ignoriert oder unterdrückt, sondern immer wahrgenommen werden. Nach Ayurveda soll man essen, wenn man wirklich Hunger hat, soll man trinken, wenn man wirklich Durst hat. Essen ohne Hunger, trinken ohne Durst, strört die Verdauung und hat negative Wirkungen auf den Stoffwechsel. Wenn jemand kalte Getränke trinkt, ohne Durst bekommen zu haben, dann können diese Getränke das Verdauungsfeuer schwächen. Man bekommt dann kein richtiges Hungergefühl und das Essen wird nicht richtig verdaut und absorbiert. Unreines Kapha wird dann im Darm produziert und verursacht viele Erkrankungen wie Husten, Asthma, Atemwegsinfektionen, Leberstörungen, Schwellungen, Übergewicht usw.

Durst bleibt auch nicht das ganze Jahr gleich, sondern variiert je nach Jahreszeit. Er ist relativ wenig, wenn das Wetter kalt ist und relativ stark bei warmen Wetter. Es hat keinen Sinn, das ganze Jahr genau die gleiche Menge zu trinken. Auch wenn man mehr redet, schreit oder singt, hektische körperliche Aktivitäten durchführt oder Angst hat, bekommt man mehr Durst. Dann muss man mehr trinken.

Räumlichkeiten mit Klimaanlage können Trockenheit im Köper vermehren. Viele Leute trinken deshalb sehr viel Wasser, wenn sie in solchen Räumlichkeiten oder im Flugzeug sitzen. Es ist total falsch und baut eine für verschiedene Infektionen im Atemwegsystem fördernde Umgebung auf. In solchen Situationen sind warme Getränke wie Kräutertee, Kaffee und Suppe besser.

Beim Frühstück und den Mahlzeiten trinkt man Wasser in Indien. In Europa hat man große Auswahl wie Säfte, Tees und Likör-Arten. Eine warme Suppe vor dem Essen kann das Magenfeuer gut stimulieren und wie ein Apparativ wirken, aber kalte Getränke nicht. Also bitte kein kaltes Getränk vor dem Essen. Zum Wohl!

Von Dr. Abhijit Mhalank, MD (Ayu), DYA
42/677 Lokmanya Nagar, Pune 411030
Email – ammhalank@yahoo.com


Über den Autor:

Dr. Abhijit Mhalank ist erfahrungener Ayurveda-Arzt und ist auf ayurvedischer Pathologie spezialisiert. Seine Bücher und Artikel sind schon in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden. Er hat auch eine CD ‘Encyeclopaedia Ayurvedica’ produziert. Diese CD ist eine praktische, nützliche Software und enthält Informationen von über zehn tausend ayurvedischen Präperaten. Neben Englisch spricht Dr. Mhalank auch Deutsch, Sanskrit und noch zwei indische Sprachen sehr gut und hat in Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Italien und Spanien viele Vorträge und Konsultationen gemacht. Mehrmals hat er auch an Radio und Fernsehprogrammen teilgenommen.