Grundsteinlegung

Um etwa fünfzig Dollar kaufte ich Bretter und Baumaterial, die ließ ich unter meine Eiche fahren und dort ausladen. Keine Hand, außer der meinen, legte die Fundamente. Erst legte ich den Fußboden. Wohlerwogenen Bauplan hatte ich keinen, der mich hätte hindern können, erst den Fußboden zu legen, wie es mir bequem war. Soviel Haus war dann wenigstens endgültig gebaut. Ich ließ die Struktur natürlich wachsen. Ein Zimmermann von Beruf würde wohl erst ein Gerüst errichtet haben, ich aber fühlte: War mir nur erst einmal dieser Fußboden aus dem Sinn, der Rest des Gebäudes würde schon irgendwie darauf wachsen - und das tat er auch. Ich weiß, ich vergewaltigte alle architektonischen Anstandsregeln mit meinem Gebaue und tat hundertmal mehr Arbeit, als nötig gewesen wäre; die Arbeit aber war Freude und Spiel - das Resultat nicht viel mehr als eine große Holzschachtel aus zwölf Fuß langen Brettern und selbst im Zustand der Vollendung lange nicht so ordentlich und regelmäßig wie Reiseverschalung für den Transport zur See von Waagen oder anderen großen Gegenständen. Aber ich baute nicht um der Korrektheit oder anderer Leute willen - ich baute für mich. Für dieses eine Mal im Leben verlangte ich vollkommene Freiheit, zu stolpern, zu fehlen, zu irren, ohne von anderen Leuten überwacht, patronisiert, kritisiert, begutachtet oder beschlechtachtet zu werden. Diese Freiheit hatte ich - und meine Irrtümer beging ich. Weitausladend - breithingenießend.

Kein einziges Mal während der zwei Monate, da ich diese windschiefe, krummbeinige Schaluppe erschuf, kam eine Menschenseele in die Nähe - zu starren, zu grinsen und zu sagen, wie falsch ich alles mache; und wenn so eine Pest auch nicht sagt, was sie denkt, hat sie doch eine Art dreinzuschauen, als ob sie es dächte - also denkend aber macht sie mich fühlen, daß sie so denkt. Solche Leute wirken verpestend. Ich will die Dinge auf meine Weise tun, mit meinen Fehlern und im Vorwärtsschreiten lernen - und wenn ich bereit sein werde, jemanden, der es besser weiß, zu fragen, wie man es besser macht - dann - erst dann - nur dann und nicht früher will ich Rat und Belehrung. Es ist ein exquisiter Luxus - solches Vorwärtsstolpern. Ich wollte ihn mir gestatten, auch für ihn bezahlen.

Mein Grundbesitz lag am Ende eines großen Kornfeldes - ein einziges fernes Haus am Horizont in Sehweite - keine Straße; der Belehrer hätte eine Meile durch den Morast waten müssen, um an mich heranzukommen. So in Regen und Schnee und Schmutz, irrend und fehlend und verbessernd, baute ich da draußen den Januar und Februar hindurch. In dem fernen Nachbarhaus am Horizont schlief ich, trabte dann am Morgen eine Meile weit zur nächsten Bahnstation, erreichte die City um halb acht Uhr und erledigte meine zweistündige Arbeit in einer Zeitungsredaktion. Sie bestand in der Aufzählung jener ewig gleichförmigen Ereignisse als da sind: Morde, Einbrüche, Explosionen, Selbstmorde (Revolver, Rasiermesser, Strick, Gift), Bank- und Taschendiebstähle, Feuersbrünste, platzende Kessel, stürzende Lifts, Unfälle (Gas, Petroleum, Benzin - Hitze, Kälte - Berge, Meere), Konkurse, und was eben sonst in zivilisierten Gesellschaften jahraus, jahrein immer auf dieselbe Weise geschieht, mit dem einzigen Unterschied, daß Schuft oder Opfer immer wieder anders hießen - und manchmal nicht einmal das. Ich staune, wie es die Menschen interessieren mag, so einen monotonen und grausigen Katalog der Schrecken zu lesen, wie ich ihn täglich auftischte.

Ob sie wohl so durch alle Ewigkeit zu den Frühstücken aller Tage weiterlesen werden? Sollte eine unerforschliche Vorsehung ihre unerfreulichen Leiber zu so unerfreulichem Tun erhalten? Ich staune, worin die Notwendigkeit oder der Vorteil besteht, bei Kaffee und Butterbrot zu erfahren, daß ein Strolch vergangene Nacht im Centralpark erhängt gefunden wurde, oder daß irgendein Idiot sich mit Vitriol vergiftete und auf einer Gartenbank, auf der ich vielleicht morgen sitzen werde, starb, weil das Mädchen, das er heiraten und unglücklich machen wollte, es vorzog, sich von irgendeinem anderen Idioten heiraten und unglücklich machen zu lassen.

Ich schrieb auch Fachartikel und sagte der Welt, wie auf sozialen, politischen und sonstigen Gebieten die Dinge fürchterlich verfehlt im Argen lägen und wie man es für der besser zu machen habe. Ich beschäftigte mich damals viel intensiver damit, die Welt als mich selbst zu reformieren - hielt die elektrische Birne meines Intellekts mit erheblich mehr Ausdauer auf anderer Leute Mängel gerichtet als auf meine eigenen.

Ich blieb lange genug Journalist, um herauszufinden, es gäbe Publizisten von dreierlei Art: solche, die über die ganze Herrlichkeit schreiben können und dabei nicht praktischen Grips genug haben, um einen Nagel gerade einzuschlagen oder ein zehn Monate altes Küken in gerupftem Zustande von einer zehn Jahre alten zähen Henne zu unterscheiden - solche, die schreiben können und außerdem Verstand haben - schließlich solche, die, ohne schreiben zu können, es verstehen, andere schreiben zu machen - fremde Gehirne anzukurbeln zum eigenen Vorteil, wie es ihr gutes Recht ist, denn wer ein Talent übt und übt nicht das korrespondierende Geschäftstalent, das zugleich belebt und verwirklicht - der muß früher oder später mit ansehen, wie ein anderer es statt seiner besorgt - und die am Leben gereifte Frucht des Talentes sich pflückt.

Ich habe in Redaktionen neben hochgebildeten, staatlich über und über geprüften Männern gesessen, deren Hirne Lagerhäuser an Wissen waren, aber wenig sonst, die hackten mit ihren Federn emsig um acht Dollar per Woche an jeder Arbeit, die ihnen der Chef vorlegte, und schrieben und raunzten und raunzten und schrieben, die armen Hunde, weil ihre Begabung, wie sie sagten, nicht mehr Anerkennung fände. Und immer redeten sie davon, was sie alles tun würden, böte sich ihnen nur einmal eine bessere "Möglichkeit". Und sie eiferten gegen dies merkantile Zeitalter und gegen das merkantile Gebaren des Unternehmens, für das sie schrieben, und nie wurde es helle genug in ihnen, zu erkennen: die einzige "Möglichkeit" in dieser Welt für einen Mann, seine Ideen zu lüften, ist: Verantwortung übernehmen und sich die "Möglichkeiten" selbst schaffen - wie es der Chef im ersten Stock getan hatte, der ihnen den Wochenlohn ausbezahlte und sie ausnützte als literarische Maulwürfe, weil sie selbst nie wagen würden, etwas anderes zu sein.

Ich selbst servierte mit ziemlich gutem Gewissen das tägliche intellektuelle "Stew", aus den Ingredienzien unserer barbarischen Zivilisation gebraut, denn ich wurde gut dafür bezahlt, die Arbeit amüsierte mich, und das Publikum wollte, verlangte und liebte seine täglichen Greuel gerade so, wie ich sie ihm vorsetzte. Des Morgens um halb elf aber floh ich schon wieder per Bahn heim nach meinem geliebten Sumpf und arbeitete dort bis zur Dämmerung, gelegentlich wohl überwacht von irgendeiner Krähe, hingehockt auf einen Nachbarbaum, müde, hungrig und verärgert, weil es kein junges Korn auszurupfen gab.

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