...und dann war ich bei mir

 Was Meditation bringen kann

Ich habe es lange nicht kapiert - obwohl die Anleitung ja denkbar schlicht ist: Man setzt sich hin, schließt Mund und Augen - und das wars auch schon. Wenigstens theoretisch. Und -? Was dann? Und wie komme ich zu diesem seligen Baby-Lächeln, das Meditierende und Buddhastatuen auszeichnet?

Du gehst, erklärten die Geübteren, ganz einfach in die Stille. Hm. Ich probierte es. Von Stille konnte aber nicht die Rede sein - in mir hörte es sich eher an wie ein Flughafengebäude, wo gerade fünf Charterflüge gleichzeitig einchecken.

Das, so wurde ich belehrt, ist die Gedankenmühle, das Schnattern des Egos, der innere Dialog, den es eben in der Meditation einzustellen gilt. Ein Trick, mit dem man sich dabei helfen kann, ist, daß man sich auf nur eine Sache konzentriert: Etwa in die klassische Kerzenflamme starrt, oder den eigenen Atem beobachtet. Das mit dem Atem schien mir vergleichsweise unkompliziert, und ich probierte es. Nach drei Minuten war ich eingeschlafen.

Du darfst dich nicht hinlegen, wurde ich aufgeklärt. Das Sitzen mit aufrechter Wirbelsäule ermöglicht es der Energie erst, durch dich durchzufließen, und außerdem bleibst du auf diese Weise wach und aufmerksam. Ich probierte es. Es funktionierte! Ich blieb zwanzig Minuten wach und aufmerksam bei den dramatisch sich steigernden Krämpfen in meinen Rückenmuskeln. Dann brach ich lautlos zusammen.

Übung, trösteten mich die Erfahreneren. Alles Übung. Ich übte eisern, und tatsächlich: Nach einiger Zeit konnte ich eine halbe Stunde lang bewegungslos sitzen und nachher ohne fremde Hilfe meine Beine aus dem Schneidersitz entflechten. Wo aber der Kick war, wozu das ganze überhaupt gut sein sollte - das hatte ich nach wie vor nicht gecheckt.

Es geht darum, erklärten die Geübteren geduldig, daß du in deine Mitte kommst. Ich zeigte fragend auf meinen Bauch, und sie meinten, na ja, so kann man es auch ausdrücken. Du kannst auch, verriet ein mir besonders Wohlgesonnener, auf ein Mandala schauen dabei - weißt du, das sind so Bilder, die aus konzentrisch um eine Mitte aufgebauten Elementen bestehen und dich automatisch in diese Mitte ziehen. Die Idee gefiel mir, und ich probierte es.

Es war wie ein Staubsaugereffekt. Kaum hatte ich die richtige Meditationshaltung eingenommen - schwupp, war ich drinnen im Bild - aber eben im Bild, nicht in meiner eigenen Mitte!

Ich stand an. Die meisten Erfahreneren hatten mich aufgegeben und winkten nur noch müde ab, wenn ich mich von Ferne näherte. Nur eine, eine einzige war mir geblieben, die sich von meiner erfolgfreien Mühsal noch rühren ließ. Sag mir, so flehte ich sie an, so sag mir doch, wie es geht - und vor allem: WOZU das ganze?? Was soll es bringen?!

Sie sah mich nachdenklich (fast bin ich versucht, zu sagen: meditativ) an. Ich wußte, jetzt kommts. Endlich. Der entscheidende Hinweis.

Schau, sagte sie, eigentlich, eigentlich geht es bei der ganzen Meditation nur darum, dich ins Hier und Jetzt zu bringen, in den Moment. Der nämlich, erklärte sie milde in meinen verständnislosen Blick hinein, ist der einzige, der wirklich existiert, in dem du tatsächlich lebst: Die Vergangenheit ist unwiederbringlich vorbei, die Zukunft kommt niemals an - es gibt nur das ewige Jetzt. Dir bewußt zu werden, daß das, was jetzt gerade ist, alles ist, was du zur Verfügung hast - und auch alles, was du zum Glücklichsein brauchst -, bringt dich in die Stille deiner Mitte, erschließt eine ungeahnte Leichtigkeit und bringt dich zu genau diesem Lächeln, das du suchst. Und du brauchst nicht stillsitzen dabei oder Mantren singen oder was auch immer: Wenn du das Prinzip begriffen hast, wenn du bewußt im Moment leben kannst, dann kannst du deine Steuererklärung ausfüllen oder Geschirr waschen oder Kunden beraten - und du bist dabei meditativ, das heißt voll wach, heiter-ausgeglichen und ganz im Augenblick.

Ich habs probiert. 
Es funktioniert. 
Ich kann es nur empfehlen.

© Helena Krivan, 1998