Ein Kurs in Wundern


Rückkehr zur Liebe

Autorin: Marianne Williamson

Ausschnitt aus dem Buch Rückkehr zur Liebe: Harmonie, Lebenssinn und Glück durch "Ein Kurs in Wundern"


 

Nur die Liebe ist wirklich

GOTT ist nicht der Autor der Angst. Du bist es.

Das Problem dieser Welt ist also, daß wir uns von Gott abgewandt oder von der Liebe entfernt haben. Dem Kurs in Wundem zufolge ereignete sich diese Trennung von Gott zum erstenmal vor Millionen von Jahren. Aber seine wichtige Offenbarung, sein Angelpunkt, ist die Aussage, daß diese Trennung in Wirklichkeit nie stattfand. In seiner Einleitung heißt es:
Dieser Kurs kann daher ganz einfach so zusammengefaßt werden:
Nichts Wirkliches kann bedroht werden.
Nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Frieden GOTTES.
Das bedeutet:

1. Liebe ist wirklich. Sie ist eine ewig existierende Schöpfung, und nichts kann sie zerstören.
2. Alles, was nicht Liebe ist, ist eine Illusion.
3. Denken Sie daran, und Sie werden in innerem Frieden leben.

Ein Kurs in Wundern sagt also, daß nur die Liebe wirklich ist. »Das Gegenteil von Liebe ist Angst, doch was allumfassend ist, kann kein Gegenteil haben.« Wenn wir in Liebe denken, agieren wir buchstäblich als Mitschöpfer Gottes. Denken wir nicht in Liebe - und nur Liebe ist wirklich -, dann denken wir im Grunde überhaupt nicht. Wir halluzinieren. Und genau das hat es mit dieser Welt auf sich: Sie ist eine Massenhalluzination, in der die Angst realer erscheint als die Liebe. Angst ist eine Illusion. Unsere Verrücktheiten, Paranoias, Ängste und Traumata sind buchstäblich alle Einbildungen. Das heißt nicht, daß sie für uns als menschliche Wesen nicht existierten und nicht ans Licht gebracht werden müßten, damit wir uns von ihnen befreien können. Aber sie ersetzen nicht die Liebe in uns. Sie sind buchstäblich ein schlechter Traum. Es ist, als hätte sich der Geist in zwei Teile gespalten: Der eine Teil bleibt in Kontakt mit der Liebe, und der andere wechselt zur Angst über. Die Angst fabriziert eine Art Paralleluniversum, in dem das Unwirkliche wirklicher erscheint als das Wirkliche.

Ein Kurs in Wundem
definiert die Sünde als ›lieblose Wahrnehmung‹. Das Öffnen des Geistes für die Liebe ist der Weg, der aus der Sünde oder Angst führt. »Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht«, wie das Licht die Dunkelheit vertreibt. Die Verlagerung von der Angst zur Liebe ist ein Wunder. Dadurch werden die Dinge auf der irdischen Ebene nicht repariert; vielmehr befaßt sie sich mit der wirklichen Quelle unserer Probleme, die immer auf der Bewußtseihsebene zu finden ist. Gedanken sind wie in einen Computer einprogrammierte Daten, die auf dem Bildschirm Ihres Lebens sichtbar werden. Falls Ihnen nicht gefällt, was Sie da sehen, dann hat es keinen Zweck, über den Bildschirm zu wischen, um sie dort auslöschen zu wollen. Der Gedanke ist die Ursache; die Erfahrung ist die Wirkung. Wenn Ihnen die Auswirkungen in Ihrem Leben mißfallen, müssen Sie die Natur Ihres Denkens ändern.
Liebe in Ihrem Geist bewirkt Liebe in Ihrem Leben. Damit ist der Himmel gemeint.
Angst in Ihrem Geist bewirkt Angst in Ihrem Leben. Damit ist die Hölle gemeint.

Unsere irdischen Probleme sind im Grunde nur Symptome des wirklichen Problems, und das ist stets ein Mangel an Liebe. Das Wunder, die Verlagerung von der Angst zur Liebe, findet auf unsichtbarer Ebene statt. Es verwandelt die Welt auf der kausalen Ebene. Alles andere ist nur ein zeitweiliges Linderungsmittel, eine Beruhigungsspritze, aber keine Heilung. Es ist eine Behandlung der Symptome, aber keine Behandlung, die zur Genesung führt.
»Gott, bitte hilf mir« heißt im Grunde: »Gott, berichtige mein Denken.« »Erlöse mich von allem Übel« meint: »Erlöse mich von meinen Wahngedanken.« Gott selbst übertritt niemals das Gesetz von Ursache und Wirkung. Es ist das grundlegendste Gesetz des Bewußtseins, das zu unserem Schutz eingeführt wurde. Solange wir dieser goldenen Regel folgen, sind wir sicher.

Adam und Eva waren glücklich, bis sie »vom Wissen um Gut und Böse aßen«. Das bedeutet, daß alles vollkommen war, bis sie anfingen, Urteile zu fällen, das heißt, ihr Herz manchmal offen und manchmal verschlossen war.
Ich liebe dich, wenn du das tust, aber ich liebe dich nicht, wenn du jenes tust.
Unser Friede wird zerstört, wenn wir unser Herz verschließen. Es ist gegen unsere wahre Natur. Es macht uns verklemmt und läßt uns zu Menschen werden, die wir von unserem Wesen her gar nicht werden sollten.
Freud definierte die Neurose als eine Abspaltung vom Ich, und das ist sie auch. Das wahre Ich oder Selbst ist die Liebe in unserem Innern. Es ist das »Kind Gottes«. Das von Angst besetzte Selbst ist ein Betrüger. Die Rückkehr zur Liebe ist das große kosmische Schauspiel, die persönliche Reise von Vortäuschung und Schein zum wahren Selbst, vom Schmerz zum inneren Frieden.

Das mag also der Weg sein; auf diese Weise hat es jedenfalls für mich funktioniert. Ich brachte mich in eine schreckliche Lage, dann erinnerte ich mich daran, daß ich nur ein Wunder brauchte, eine himmlische Schnellkur, ein radikales Heilmittel. Ich bat Gott, meinen mentalen Computer umzuprogrammieren. Ich betete: Gott, bitte hilf mir. Heile mich in meiner Wahrnehmungsweise. Wo immer mein Geist von der Liebe abgewichen ist - wenn ich wieder um meinetwillen alles unter meiner Kontrolle haben wollte, manipulierte, gierig oder allzu ehrgeizig war, wenn ich meinen Körper und meine Hilfsmittel in irgendeiner Weise lieblos eingesetzt habe -, was immer es auch sei, ich bin bereit, daß mein Geist geheilt wird. Amen. Großartig. Das Universum vernahm meine Bitte, und zack!, ich bekam mein Wunder. Die Beziehung war geheilt, die Kränkung vergeben, was auch immer.
Aber dann fiel ich wieder in mein altes Denkmuster zurück, das Muster, das dafür sorgte, daß ich überhaupt auf die Knie fiel, und alles ging wieder von vorne los. Ich baute wieder irgendeinen emotionalen Autounfall, landete wieder auf den Knien, bat Gott wieder um Hilfe, kam wieder zu Sinnen und innerem Frieden.
Nachdem ich diese wechselvollen Szenen sattsam durchgespielt hatte, sagte ich mir schließlich: Marianne, wenn du das nächste Mal wieder auf den Knien liegst, dann bleib doch gleich in dieser Stellung! Warum halten wir uns nicht gleich im Bereich der Antwort auf, statt uns immer wieder in den Bereich des Problems zu begeben? Warum nicht nach einer Bewußtseinsebene streben, auf der wir uns nicht ständig diese Probleme erschaffen? Bitten wir doch nicht nur um einen neuen Job, eine neue Beziehung, einen neuen Körper. Bitten wir doch um eine neue Welt. Bitten wir doch um ein neues Leben.
Als ich dann endlich völlig in die Knie gegangen war und wußte, was es heißt, sich wahrhaft demütig zu fühlen, war ich eigentlich daraufgefaßt, nun Gottes Zorn zu spüren zu bekommen. Statt dessen war mir, als hörte ich Ihn sanft fragen: Können wir jetzt anfangen?
Bis zu diesem Moment hatte ich mich vor meiner Liebe versteckt und somit gegen mein eigenes Leben Widerstand geleistet. Die Rückkehr zur Liebe ist alles andere als das Ende der Abenteuer des Lebens. Sie ist der wahre Beginn, die Rückkehr zu der Person, die man ist.

Du

Der GEDANKE, den GOTT von dir hat,
ist wie ein Stern: unveränderlich an einem ewigen Himmel.

1. DAS SELBST IN SEINER VOLLKOMMENHEIT
Noch einmal:
Nichts, was du tust oder denkst oder wünschst oder machst,
ist nötig, um deinen Wert zu begründen.

Sie sind ein Kind Gottes. Sie wurden in einem gleißenden Blitz des Schöpferischen erschaffen, ein Urgedanke, als Gott sich in Liebe erweiterte. Alles, was Sie seither hinzugefügt haben, ist nutzlos.
Als Michelangelo gefragt wurde, wie er denn eine Skulptur erschaffe, gab er zur Antwort, daß die Statue schon im Marmor existiere. Die Pietä, David, Moses hat Gott selbst erschaffen, und Michelangelos Arbeit bestand, so wie er es sah, nur noch darin, Gottes Schöpfung vom überflüssigen Marmor zu befreien.
Und so ist es auch mit Ihnen. Sie müssen nicht erst Ihre Vollkommenheit erschaffen, das hat Gott bereits getan. Die Liebe in Ihnen, das sind Sie in Ihrer Vollkommenheit. Ihre Aufgabe besteht darin, daß Sie dem Heiligen Geist erlauben, das angstvolle Denken zu entfernen, das Ihr vollkommenes Selbst umgibt, wie der überflüssige Marmor Michelangelos Statue umschließt.
Wenn Sie sich ins Gedächtnis rufen, daß Sie ein Teil Gottes sind, daß Sie geliebt werden und liebenswert sind, so bedeutet das nicht Arroganz, sondern Demut. Arrogant ist der Gedanke, daß Sie etwas anderes darstellen als eine Schöpfung Gottes.
Liebe ist unwandelbar, und deshalb sind auch Sie in Ihrer Vollkommenheit unwandelbar. Nichts, was sie je getan haben oder tun könnten, kann Ihre Vollkommenheit in den Augen Gottes beschädigen. In Seinen Augen haben Sie Ihren Wert in dem, was Sie sind, nicht in dem, was Sie tun. Was Sie tun oder lassen bestimmt vielleicht Ihr Wachstum, aber nicht Ihren essentiellen Wert. Darum heißt Gott Sie ganz und gar gut, nimmt Er Sie ganz und gar so an, wie Sie sind. Was an Ihnen wäre denn nicht schätzenswert? Sie sind nicht in Sünde erschaffen worden; Sie wurden in Liebe erschaffen.

2. DER GÖTTLICHE GEIST
GOTT SELBST hat deinen Geist entzündet und erhält das Licht in deinem Geist durch SEIN LICHT, weil SEIN LICHT dein Geist ist.

Der Psychologe C. G. Jung führte den Begriff des kollektiven Unbewußten ein, womit eine angeborene mentale, die universalen Gedankenformen der ganzen Menschheit umfassende Struktur gemeint ist. Er glaubte, daß wir, wenn Sie tief genug in Ihren Geist vordringen und ich tief genug in den meinen, auf eine Ebene gelangen, an der wir alle kollektiv teilhaben. Der Kurs geht noch einen Schritt weiter. Wenn Sie tief genug in Ihren Geist und tief genug in meinen Geist vordringen, werden Sie entdecken, daß wir denselben Geist haben. Die Vorstellung von einem göttlichen Bewußtsein oder Christusbewußtsein impliziert, daß wir im Kern nicht nur identisch, sondern tatsächlich dasselbe Wesen sind. Wenn vom »einzigen eingeborenen Sohn Gottes« gesprochen wird, so bedeutet das nicht, daß jemand anders dieser Sohn war und nicht wir. Es bedeutet, daß wir alle es sind. Es gibt nur uns als Einheit.
Wie die Speichen eines Rades sind wir Strahlen, die alle vom selben Zentrum ausgehen. Wenn Sie unsere Position vom Rand aus bestimmen, erscheinen wir alle voneinander getrennt und unterschieden. Aber wenn Sie uns vom Ausgangsort, unserer Quelle - von der Radmitte - her definieren, haben wir eine gemeinsame Identität. Wenn Sie tief genug in Ihrem und tief genug in meinem Geist graben, werden Sie dasselbe Bild finden: Im tiefsten Grunde sind wir Liebe.

Das Wort Christus ist ein psychologischer Begriff. Keine Religion hat ein Monopol auf die Wahrheit. Christus bezieht sich auf die Grundschwingung der göttlichen Liebe, die der Kern und die Essenz jedes menschlichen Geistes ist.
Die Liebe in einem von uns ist die Liebe in allen von uns. Es gibt keine Grenzlinie, wo Gott aufhört und Sie anfangen, und auch keine Grenzlinie, wo Sie aufhören und ich anfange. Liebe ist Energie, ein unendliches Kontinuum. Ihr Geist durchdringt den meinen und den Geist aller anderen Menschen. Er bleibt nicht in Ihren Körper eingeschlossen.
Der Kurs vergleicht uns mit Sonnenstrahlen, die glauben, separat von der Sonne, oder mit Wellen, die glauben, separat vom Meer zu existieren. Aber ein Sonnenstrahl kann sich nicht von der Sonne, eine Welle nicht vom Meer, und wir können uns nicht voneinander abtrennen. Wir sind alle Teil eines unendlichen Meeres der Liebe, ein untrennbarer göttlicher Geist. Die Wahrheit, wer wir wirklich sind, verändert sich nicht; wir vergessen sie nur. Wir identifizieren uns mit der Vorstellung von einem kleinen, isolierten Ich, statt mit der Vorstellung von einer Wirklichkeit, an der wir alle teilhaben.
Sie sind nicht das, was Sie zu sein glauben. Freut Sie das nicht? Sie sind nicht Ihre Stellung oder Titel oder Diplome oder Ihr Haus. Alle diese Dinge sind wir nicht. Wir sind heilige Wesen, individuelle Zellen im Körper Christi. Ein Kurs in Wundem erinnert uns daran, daß ›die Sonne weiterhin scheint, das Meer weiterhin wogt, ohne sich dessen gewahr zu sein, daß ein winziger Ausschnitt ihrer selbst vergessen hat, was er ist‹. Wir sind die, die zu sein Gott erschaffen hat. Wir sind alle eins, wir sind die Liebe selbst. Christus anzunehmen bedeutet nur eine Verlagerung der Selbstwahrnehmung. ›Wir erwachen aus dem Traum, der uns sagt, daß wir begrenzte, isolierte Geschöpfe sind, und erkennen uns als herrliche, unendlich schöpferische spirituelle Wesen. Wir erwachen aus dem Traum, der uns sagt, daß wir schwach sind, und akzeptieren, daß wir in uns die Kraft und Macht des Universums tragen.‹

Vor vielen Jahren kam mir die Erkenntnis, daß ich wohl sehr mächtig sein mußte, wenn ich mit solch erstaunlicher Beständigkeit alles, was ich berührte, wo immer ich auch hinkam, verpfuschen konnte. Und ich meinte, daß es ja wohl eine Möglichkeit geben müßte, diese damals in eine Neurose eingebettete mentale Kraft in positiverer Weise einzusetzen. Heutzutage gehen die meisten therapeutischen Ansätze in der Psychologie davon aus, daß wir die Dunkelheit analysieren müssen, um zum Licht vorzudringen, und daß wir unsere Neurosen überwinden werden, wenn wir uns auf ihre Anfänge und ihre Dynamik konzentrieren. Die östlichen Religionen sagen uns hingegen, daß alles, was nicht wirklich Teil von uns selbst ist, von uns abfällt, wenn wir nach Gott streben. Streben Sie nach dem Licht, und die Dunkelheit wird verschwinden. Die Konzentration auf Christus bedeutet die Konzentration auf das Gute und die Kraft, die beide latent in unserm Innern ruhen, um sie zu erwecken, zu verwirklichen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Wir bekommen das im Leben, worauf wir uns konzentrieren. Eine ständige Konzentration auf das Dunkle führt uns, als Individuen und Kollektiv, nur weiter in die Dunkelheit. Eine Konzentration auf das Licht führt uns ins Licht. Ich akzeptiere Christus in mir, bedeutet: Ich akzeptiere die Schönheit in mir, das Wesen, das ich wirklich bin. Ich bin nicht meine Schwäche, ich bin nicht mein Zorn. Ich bin nicht meine Kleinkariertheit und Engstirnigkeit. Ich bin sehr, sehr viel mehr. Und ich möchte an das Wesen erinnert werden, das ich wirklich bin.

3. DAS EGO
Das Ego ist ganz wörtlich ein furchteinflößender Gedanke.

Als wir Kinder waren, wurde uns beigebracht, daß wir ein guter Junge, ein gutes Mädchen sein sollen, was natürlich impliziert, daß wir es bis dahin noch nicht waren. Wir waren gut, wenn wir unser Zimmer aufräumten oder gute Noten bekamen. Sehr wenigen von uns wurde beigebracht, daß wir vom Wesen her gut sind. Sehr wenige von uns konnten je das Gefühl entwickeln, bedingungslos akzeptiert zu werden, kostbar zu sein auf Grund dessen, was wir sind, nicht was wir tun. Und das nicht, weil wir etwa von Monstern großgezogen worden wären. Wir wurden von Menschen erzogen, die die gleiche Erziehung genossen hatten wie wir. Tatsächlich glaubten manchmal gerade die, die uns am meisten liebten, daß es ihre Aufgabe sei, uns zum Kampf zu erziehen.
Warum? Weil die Welt, so wie sie ist, hart ist, und wir sollten in ihr bestehen können. Wir mußten so verrückt werden wie die Welt, sonst würden wir uns nicht in ihr zurechtfinden. Wir mußten etwas leisten, Erfolg haben, den Abschluß schaffen, in die beste Universität des Landes aufgenommen werden. Merkwürdigerweise lehrte uns diese Perspektive keine Disziplin, sondern bewirkte vielmehr eine seltsame Verlagerung unseres Machtgefühls von uns weg hin zu äußerlichen Quellen. Wir verloren das Gefühl für unsere eigene Macht und Kraft. Und was wir lernten, war Angst, die Angst, daß wir, so wie wir sind, nicht gut genug sind.
Angst fördert das Lernen nicht. Sie verbiegt uns. Sie hemmt uns, sie läßt uns verkümmern. Sie macht uns neurotisch. Und so waren die meisten von uns schon im Jugendalter ernsthaft angeknackst. Unsere Liebe, unser Herz, unser wahres Selbst wurden ständig von Menschen unterminiert und geschwächt, die uns nicht liebten, und von Menschen, die uns liebten. Ohne die Liebe drohten wir zu zerbrechen.
Vor Jahren sagte ich mir, daß ich mir wegen der Existenz eines Teufels keine Sorgen machen sollte. Ich weiß noch, wie ich dachte: Es gibt keine auf dem Planeten herumschleichende Kraft des Bösen. Das spielt sich alles nur in deinem Kopf ab. Das allerdings, so erkannte ich dann, würde Konsequenzen haben. Da jeder Gedanke Erfahrungen erschafft, ist mein Kopf, in dem sich alles abspielt, in diesem Zusammenhang der denkbar schlechteste Ort. Zwar stimmt es, daß es keinen wirklichen Teufel da draußen gibt, der Jagd auf unsere Seelen macht, aber es gibt doch in unseren Köpfen eine zuweilen erstaunlich starke Tendenz, ohne Liebe zu empfinden und wahrzunehmen.

Da wir schon von Kindheit an gelehrt wurden, daß wir vereinzelte, begrenzte Wesen sind, bekommen wir, wenn es um die Liebe geht, große Schwierigkeiten. Sie fühlt sich wie ein riesiges Vakuum an, das uns zu überwältigen droht, und das ist sie in gewisser Hinsicht auch. Sie überwältigt unser kleines Ich, unser Gefühl von Einsamkeit und Getrenntsein. Und weil wir glauben, dieses Gefühl von Isolation und Getrenntheit zu sein, meinen wir, ohne dieses Gefühl zu sterben. Es stirbt aber unser verschüchtertes, angstbesetztes geistiges Bewußtsein, so daß die Liebe in uns eine Chance zum Atmen bekommt.
In der Terminologie des Kurses wird unser gesamtes Netzwerk angstvoller Wahrnehmungen, die alle aus jenem ersten falschen Glauben an unsere Trennung von Gott und von unseren Mitmenschen herrühren, das Ego genannt. Hier wird der Begriff des Ego anders benutzt, als es in der modernen Psychologie zumeist der Fall ist. Er wird so verstanden, wie ihn die alten Griechen auffaßten, nämlich als das kleine, vereinzelte Ich. Als ein falscher Glaube in bezug auf uns selbst, als eine Lüge über das, was und wer wir wirklich sind. Und obwohl diese Lüge eine Neurose ist und das Leben dieser Lüge schreckliche Angst bedeutet, sind wir doch erstaunlich resistent gegen die Heilung dieser Spaltung.
Ein von der Liebe getrennter Gedanke ist ein schwerer Mißgriff. Damit wenden wir unsere Kraft gegen uns selbst. In dem Augenblick, da der Geist zum erstenmal von der Liebe abwich - als ›Gottes Sohn diese Wahnidee auszulachen vergaß‹ -, gelangte eine ganze illusionäre Welt zur Existenz. Im Kurs wird dieser Augenblick als unser »Umweg in die Angst« oder unsere »Trennung von Gott« bezeichnet.

Das Ego führt sein eigenes Pseudoleben und kämpft, wie alles Lebendige, hart um sein Überleben. So unangenehm, so schmerzlich und hoffnungslos unser Leben zuweilen auch sein mag, es ist das Leben, das wir kennen, und wir halten am Alten fest, statt etwas Neues auszuprobieren. Die meisten von uns haben sich selbst auf die eine oder andere Weise reichlich satt. Unglaublich, wie zäh wir uns dennoch an das klammern, wovon erlöst zu werden wir gebetet haben. Das Ego ist wie ein Computervirus, das das System in seinem Kern angreift. Es scheint uns ein dunkles Paralleluniversum zu zeigen, ein Reich der Angst und des Schmerzes, das allem Anschein nach existiert, in Wirklichkeit aber nicht. Luzifer war vor seinem Sturz der schönste Engel im Himmel. Das Ego ist unsere Selbstliebe, die sich in Selbsthaß verwandelt hat.
Es ist wie ein Schwerkraftfeld, das sich über Äonen angstvollen Denkens aufgebaut hat und uns von der Liebe in unserem Herzen wegzieht. Das Ego ist unsere mentale Kraft, die sich gegen uns selbst wendet. Es ist clever wie wir, es spricht mit glatter Zunge wie wir, und es ist manipulativ wie wir. Erinnern Sie sich an das Bild des Teufels, der mit süßer, verführerischer Stimme spricht? Das Ego stellt sich uns nicht mit den Worten vor: Hallo, ich bin dein Selbsthaß. Es ist nicht dumm, weil auch wir nicht dumm sind. Eher sagt es etwa: Hallo, ich bin dein erwachsenes, reifes, rationales Selbst. Ich helfe dir, daß du ganz groß rauskommst. Dann gibt es uns Ratschläge, wie wir am besten für uns selbst sorgen - auf Kosten anderer. Es lehrt uns Egoismus, Gier, Verurteilung und Engstirnigkeit. Aber denken Sie daran, daß wir hier alle eins sind. Was wir anderen geben, geben wir uns selbst. Was wir anderen vorenthalten, enthalten wir uns selbst vor. In jedem Augenblick, in dem wir Angst statt Liebe wählen, verweigern wir uns der Erfahrung des Paradieses. In dem Maße, wie wir die Liebe verlassen, werden wir auch das Gefühl haben, daß sie uns verlassen hat.

4. DER HEILIGE GEIST
Der HEILIGE GEIST ist der Ruf,
zu erwachen und froh zu sein.

Freier Wille heißt, daß wir denken können, was wir wollen, aber kein Gedanke ist neutral. Es gibt keinen nichtigen Gedanken. Alles Denken bringt Form auf irgendeiner Ebene hervor. Wenn wir die Verantwortung für unser Leben übernehmen, heißt das, daß wir die Verantwortung für unsere Gedanken übernehmen. Und wenn wir zu Gott beten, damit er unser Leben erlöst, beten wir im Grunde darum, daß Er uns von unseren eigenen negativen Gedanken erlöst.
Als der erste uralte angstvolle Gedanke gedacht wurde, heilte Gott diesen Irrtum. Als vollkommene Liebe, die Er ist, berichtigt Er alle Irrtümer im Moment, da sie geschehen. Er vermag uns allerdings nicht wieder zur Liebe zu zwingen, denn Liebe erzwingt nichts. Aber sie erschafft Alternativen. Und Gottes Alternative zur Angst ist das, was wir den Heiligen Geist nennen.

Der Heilige Geist war Gottes Antwort auf das Ego. Er ist Gottes verbleibende Kommunikationsverbindung zwischen IHM und SEINEN getrennten SÖHNEN‹, die Brücke zurück zu sanften Gedanken, der ›GROSSE WANDLER der Wahrnehmung‹ von der Angst zur Liebe. Der Heilige Geist wird oft als Tröster bezeichnet. Gott kann sich nicht wieder gewaltsam in unser Denken einbringen, denn das würde einen Eingriff in unseren freien Willen bedeuten. Aber der Heilige Geist ist eine Bevvußtseinskraft in uns, die uns von der Hölle erlöst oder von der Angst, wenn wir ihn bewußt darum bitten. Er arbeitet mit uns auf der Kausalebene und transformiert unsere Gedanken von Angst zu Liebe. Wir können ihn gar nicht vergebens anrufen. Da er von Gott erschaffen wurde, ist er in den Computer eingebaut. Er kommt in vielerlei Gestalt zu uns: als Gespräch mit einem Freund oder als ernsthafter spiritueller Weg, als Songtext oder als exzellenter Therapeut. Er ist der unauslöschliche Impuls zur Suche nach der im Innern existierenden Ganzheit, ganz gleich, wie desorientiert oder verrückt wir sein mögen. Irgend etwas in uns sehnt sich immer nach der Rückkehr nach Hause, und der Heilige Geist ist dieses Etwas.
Er führt uns zu einer anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit, zu einer, die sich auf Liebe gründet. Seine Korrektur unserer Wahrnehmungsweise wird Sühne genannt. Das einzige, woran es in einer Situation mangeln kann, ist unser Gewahrsein der Liebe. Bitten wir den Heiligen Geist um Hilfe, dann signalisieren wir damit unsere Bereitschaft, eine Situation anders wahrzunehmen. Wir geben unsere eigenen Interpretationen und Meinungen auf und bitten darum, daß sie durch die seinen ersetzt werden. Erleiden wir Schmerz, dann beten wir: »Lieber Gott, ich bin willens, das anders zu sehen.« Eine Situation Gott übergeben heißt, daß wir unsere Gedanken darüber Ihm übergeben. Was wir Gott geben, gibt Er uns durch die Sicht des Heiligen Geistes erneuert zurück. Manche Menschen meinen, daß wir unsere persönliche Verantwortung aufgeben, wenn wir uns Gott überantworten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir übernehmen die höchste Verantwortung für eine Situation, indem wir die Verantwortung für unsere dazugehörigen Gedanken übernehmen. Wir sind verantwortlich genug, um zu wissen, daß wir, sobald wir unseren eigenen mentalen Hilfsmitteln überlassen sind, instinktiv aus der Angst heraus reagieren. Wir sind verantwortlich genug, um Hilfe zu bitten. Manchmal meinen die Menschen auch, daß wir, wenn wir Gott anrufen, eine Kraft in unser Leben einladen, die unsere Welt rosig werden läßt. In Wahrheit aber laden wir alles in unser Leben ein, das uns zum Wachstum zwingt - und Wachstum muß nicht immer in wohlgeordneten Bahnen verlaufen. Der Sinn des Lebens besteht darin, daß wir uns in Richtung unserer Vollkommenheit entwickeln. Haben wir erst einmal Gott angerufen, dann ist alles, was uns wütend machen könnte, auf dem Weg zu uns. Warum? Weil dort, wo wir in Wut und Ärger geraten statt in die Liebe, unsere Mauer steht. Jede Situation, die unsere inneren Knöpfe drückt, ist eine, in der wir noch nicht zur bedingungslosen Liebe fähig sind. Es ist Sache des Heiligen Geistes, unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken und uns zu helfen, damit wir diese Schwelle überschreiten.
Unsere Sphären des Wohlgefühls sind begrenzte Bereiche, in denen es uns leichtfällt zu lieben. Dem Heiligen Geist kommt es zu, diese Zonen nicht zu respektieren, sondern dafür zu sorgen, daß sie aufgebrochen werden. Solange sich nicht alle Bereiche gut anfühlen, haben wir noch nicht den Gipfel des Berges erreicht. Denn Liebe, die nicht bedingungslos ist, ist keine Liebe. Wir erfahren nicht, wer wir wirklich sind, wenn wir nicht die Erfahrung unserer vollkommenen Liebe machen. Um unseren Fortschritt mit dem Ziel der Erleuchtung sicherzustellen, hat ›der Heilige Geist für jeden und jede von uns einen in hohem Maße auf persönliche Bedürfnisse zugeschnittenen Lehrplan parat‹. Jede Begegnung und jeder Umstand können von ihm für seine Zwecke genutzt werden. Er übersetzt zwischen unserem vollkommenen kosmischen Selbst und unserer weltlichen Verrücktheit. Er begibt sich in unsere Illusion und führt uns über sie hinaus. Er bedient sich der Liebe, um mehr Liebe zu schaffen, und er reagiert auf ›die Angst wie auf einen Ruf nach Liebe, denn das ist sie‹.

Weder der Holocaust noch Aids waren Gottes Wille. Beides sind Produkte der Angst. Wenn wir aber den Heiligen Geist in einer solchen Situation zu uns bitten, benutzt er sie als Grund und Gelegenheit für uns, in jene Ebene der tiefen Liebe hineinzuwachsen, durch die diese Dinge auf dieser Erde ausgelöscht werden. Die Herausforderung besteht darin, tiefer zu lieben, als wir je zuvor geliebt haben.
Wenn wir wirklich nach einer moralischen Antwort auf den Holocaust verlangen, tun wir alles, was in unserer Macht steht, um eine Welt zu erschaffen, in der dies nie wieder geschieht. Jede Person, die einigermaßen nachdenkt, weiß, daß Hitler all das nicht allein getan hat. Ohne die Hilfe von Tausenden von Menschen hätte er das, was er getan hat, nie tun können; nicht ohne all die Menschen, die, wenn sie seine teuflische Vision vielleicht auch nicht teilten, so doch nicht die moralische Kraft zu einem Nein aufbrachten. Was sollen wir dem Heiligen Geist folgend jetzt tun? Auch wenn wir nicht garantieren können, daß nie wieder ein Hitler geboren wird, so können wir doch eine Welt erschaffen, in der, selbst wenn ein Hitler auftauchte, so viel Liebe herrscht, daß kaum jemand ihm zuhören oder sich mit ihm verbünden wollte.
Der spirituelle Weg ist somit nichts anderes als unsere Lebensreise. Jeder Mensch befindet sich auf einem spirituellen Weg; die meisten Menschen wissen es nur nicht. Der Heilige Geist ist eine Kraft in unserem Geist, die uns in unserer vollkommenen Liebe, in unserem natürlichen Zustand, den wir vergessen haben, kennt und sich dennoch mit uns in die Welt der Angst und Illusion begibt und sich hier unserer Erfahrungen bedient, um uns daran zu erinnern, wer wir sind. Er zeigt uns die Möglichkeit eines liebenden Sinns in allem, was wir denken und tun. Er revolutioniert unser Gefühl für den Sinn unserer irdischen Existenz. Er lehrt uns, die Liebe als unsere einzige Funktion zu sehen. Alles, was wir in unserem Leben tun, wird entweder vom Ego oder vom Heiligen Geist aufgegriffen oder interpretiert. Das Ego nutzt alles, um uns noch tiefer in die Angst zu führen. Der Heilige Geist nutzt alles, um uns zum inneren Frieden zu geleiten.

5. ERLEUCHTETE WESEN
Erleuchtung ist gar keine Veränderung, sondern nur ein Wiedererkennen.

Es gab Menschen auf der Erde, und vielleicht leben auch heute einige unter uns, deren Denken vom Heiligen Geist völlig geheilt wurde. Sie haben die Sühne akzeptiert. In allen Religionen finden sich Geschichten von Heiligen oder Propheten, die Wunder taten. Dies geschieht, weil der Geist, wenn er zu Gott zurückkehrt, zum Gefäß für Seine Kraft wird. Die Kraft Gottes transzendiert die Gesetze dieser Welt. Heilige und Propheten haben, indem sie die Sühne akzeptierten, Christus in ihrem Innern verwirklicht. Sie sind von angstvollen Gedanken völlig gereinigt, sind geläutert, und nur die Liebe bleibt in ihrem Geist. Diese geläuterten Wesen werden die Erleuchteten genannt. Licht bedeutet verstehen. Die Erleuchteten haben einfach verstanden.
Erleuchtete Menschen verfügen über nichts, was wir nicht hätten. Sie haben vollkommene Liebe in sich, wie wir auch. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß sie nichts anderes haben. Erleuchtete Wesen - Jesus und andere - existieren in einem Zustand, der in uns nur potentiell vorhanden ist‹. Das Christusbewußtsein ist nichts anderes als eine Sichtweise der bedingungslosen Liebe. Sie und ich haben das Christusbewußtsein genauso in uns wie Jesus. Der Unterschied zwischen ihm und uns ist der, daß wir versucht sind, es zu leugnen. Er ist darüber hinaus. Jeder seiner Gedanken und jede seiner Handlungen entspringen der Liebe. Die bedingungslose Liebe, oder Christus in ihr, ist ›die Wahrheit, die uns befreit‹, weil sie die Sichtweise ist, die uns von unseren eigenen angstvollen Gedanken erlöst.

Jesus und andere erleuchtete Meister sind unsere älteren Brüder auf dem Weg der Evolution. Nach dem Evolutionsgesetz entwickelt sich eine Spezies so lange in eine bestimmte Richtung, bis diese Entwicklung ihre Überlebensstrategie nicht mehr allzugut funktionieren läßt. An diesem Punkt kommt es zu einer Mutation, die nicht mehrheitlich in der Spezies auftritt, die aber doch eine für ihr Überleben geeignetere evolutionäre Richtung aufzeigt. Die Nachkommen dieser Mutanten sind dann die, die überleben.
Unsere Spezies steckt in Schwierigkeiten, weil wir zuviel kämpfen. Wir kämpfen gegen uns selbst, gegen andere, gegen den Planeten und gegen Gott. Unsere angstbesetzte und furchtbeladene Lebensweise bedroht unser Überleben. Eine bedingungslos liebende Person ist mit einer evolutionären Mutation zu vergleichen, die ein Wesen hervorbringt, das die Liebe an erste Stelle setzt und dann einen Kontext erschafft, in dem Wunder geschehen können. Letztlich gesehen ist es das einzig Kluge, was wir tun können. Es ist die einzige Orientierung, die unser Überleben unterstützt.
Die Mutanten, die erleuchteten Wesen, zeigen uns unser evolutionäres Potential. Sie markieren den Weg. Zwischen einem Wegweiser und einer Krücke besteht ein Unterschied. Manche Menschen behaupten, sie brauchten keine Krücke, wie Jesus sie sei. Aber er ist keine Krücke; er ist ein Lehrer. Wenn Sie ein Schriftsteller werden wollen, sollten Sie die Klassiker lesen. Wenn Sie großartige Musik komponieren wollen, sollten Sie sich die Musik anhören, die von den großen Komponisten vor Ihnen geschaffen wurde. Wenn Sie ein Maler werden wollen, ist es ratsam, die großen Meister zu studieren. Würden Sie ablehnen, wenn Picasso in Ihr Zimmer käme, während Sie gerade zeichnen lernen, und Ihnen anböte: Hallo, ich hab gerade viel Zeit, möchtest du ein paar Tips?
So ist das auch mit den spirituellen Meistern, mit Jesus, Buddha oder irgendeinem der anderen erleuchteten Wesen. Sie waren auf ihre Weise Genies, nutzten ihren Geist und ihr Herz, so wie Beethoven ein Genie in der Musik oder Shakespeare ein Genie im Umgang mit Worten war. Warum sollten wir nicht von ihnen lernen, ihrer Führung folgen, ihre Werke studieren? Ein Kurs in Wundem bedient sich der traditionellen christlichen Terminologie, benutzt sie aber auf sehr untraditionelle Weise. Worte wie Christus, Heiliger Geist, Erlösung, Jesus und so weiter werden eher in ihrer psychologischen als religiösen Bedeutung verwendet. Als Schülerin und Lehrerin des Kurses habe ich viel über den Widerstand gelernt, den viele Menschen den christlichen Begriffen entgegenbringen. Als Jüdin dachte ich, nur andere Juden hätten ein Problem mit Jesus. Aber ich irrte mich. Nicht nur Juden werden bei der Erwähnung seines Namens nervös. Sprechen Sie das Wort Jesus vor einer Gruppe gemäßigter Christen aus, und Sie werden auf nicht weniger großen Widerstand gegen dieses Thema stoßen als bei anderen Gruppen.
Ich verstehe die Gründe. Wie im Kurs zu lesen steht: »Bittere Götzen wurden aus ihm gemacht, der nur ein Bruder für die Welt sein wollte.« Es wurden so viele christliche Begriffe dazu benutzt, Schuldgefühle zu erzeugen und zu zementieren, daß viele nachdenkende Menschen sich entschieden, sie grundsätzlich abzulehnen. In vielen Fällen haben hier Christen sogar ein größeres Problem als Juden. Jüdische Kinder lernen im allgemeinen gar nichts über christliche Begriffe. Für viele christliche Kinder aber sind diese Worte und Begriffe mit Schuld, Bestrafung und Angst vor der Hölle besetzt.
Worte sind nur Worte und können, wenn sie Anstoß erregen, immer durch andere Worte ersetzt werden. Im Falle von Jesus ist die Sache aber nicht so einfach, kann das Problem nicht durch die Verwendung eines anderen Wortes behoben werden. Jesus ist ein Name. Es hat keinen Sinn vorzugeben, daß er eigentlich Herbert heißt. Viele Menschen lehnen Jesus auf Grund dessen, was einige traditionelle Christen mit und in seinem Namen angerichtet haben, automatisch ab und haben so das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Im Gegensatz zu Ein Kurs in Wundem und anderen esoterischen Werken der christlicher Philosophie haben sie auf Grund der Sprache das ganze Material in Bausch und Bogen abgelehnt. Sie sind in jene mentale Falle gegangen, die bei den Anonymen Alkoholikern als »Ablehnung noch vor genauerer Prüfung« bekannt ist.
Vor Jahren war ich zu einem Festessen in New York eingeladen. Bei Tisch unterhielt man sich über einen kürzlich erschienenen Roman. Jemand fragte mich, ob ich ihn gelesen hatte. Das hatte ich nicht, aber ich hatte die Buchbesprechung in der New York Times gelesen. Ich log und sagte: Ja. Und war über mich entsetzt. Ich hatte das Buch nicht gelesen, verfügte aber über genügend Informationen, um für den Moment vorzugeben, daß ich es kannte. Ich war bereit, die Meinung einer anderen Person an die Stelle meiner eigenen zu setzen.

Nicht lange danach mußte ich an diesen Vorfall denken, als ich nämlich erwog, ob ich ein Buch lesen sollte oder nicht, das mit Jesus zu tun hatte - es war, nebenbei gesagt, Ein Kurs in Wundem. Als Kind hatte ich nichts über ihn erfahren. Man hatte mir einfach gesagt: Wir lesen so etwas nicht, Liebes. Aber Juden sind auch dafür bekannt, daß sie ihre Kinder zu intellektuellen Leistungen ermuntern. Man hatte mich gelehrt - auch wenn dieser Vorfall beim Festessen nicht darauf schließen läßt -, zu lesen und selbst nachzudenken, und das tat ich dann auch. Ein Kurs in Wundern missioniert nicht für Jesus. Wenngleich er ›von ihm kommt‹, so wird doch sehr klargemacht, daß Sie durchaus ein fortgeschrittener Schüler des Kurses sein können, ohne eine persönliche Beziehung zu Jesus zu haben.
Der Kurs versteht unsere Widerstände, leistet ihnen aber keinen Vorschub. Es ist Zeit für eine gewaltige Revolution in unserem Verständnis der christlichen Philosophie und vor allem in unserem Verständnis von Jesus. Die christliche Religion hat kein Monopol auf Christus oder Jesus. Wir alle müssen in jeder Generation die Wahrheit immer wieder für uns selbst
entdecken. Wer ist Jesus? Er ist ein Symbol des Heiligen Geistes in persönlicher Gestalt. Ganz und gar durch den Heiligen Geist geheilt, wurde er eins mit ihm. Er ist nicht das einzige Gesicht, das der Heilige Geist trägt. Er ist eines seiner Gesichter. Ganz gewiß verkörpert er die Gipfelerfahrung, aber er ist nicht der einzige dort auf dem Gipfel.
Jesus lebte in dieser Welt der Angst und nahm nur Liebe wahr. Jede Handlung, jedes Wort, jeder Gedanke war vom Heiligen Geist geleitet statt vom Ego. Er war ein ganz und gar geläutertes Wesen. An ihn zu denken heißt, an die vollkommene Liebe in uns selbst zu denken und sie damit auch zu aktivieren.
Jesus gelangte zur vollkommenen Verwirklichung des Christusbewußtseins, und ihm wurde von Gott die Kraft gegeben, anderen zu helfen, damit wir diesen Ort in uns erreichen. Wie er im Kurs sagt: »Mir obliegt der Prozeß der SÜHNE.« In seiner Teilhabe an der Vision Gottes von den Dingen wurde er zu dieser Vision. Er sieht jeden von uns, so wie Gott uns sieht -unschuldig und vollkommen, liebend und liebenswert -, und er lehrt uns, uns selbst in dieser Weise zu sehen. So führt er uns aus der Hölle und in den Himmel. Mit seinen Augen zu sehen heißt, in unserer Wahrnehmung für unsere Irrtümer Sühne zu leisten. Das ist das Wunder, das er in unserem Leben bewirkt, das mystische Licht, das in unserer Seele hervorbricht. Unser Geist wurde erschaffen als Altar für Gottes Sohn. Er repräsentiert Gottes Sohn. Ihn zu verehren heißt, das uns innewohnende Potential zur vollkommenen Liebe zu verehren.

Märchen sind mystische Anspielungen auf die Kraft des inneren Selbst, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Es sind Geschichten, die von Transformation handeln. Märchen wie Schneewittchen und Domröschen sind Metaphern für die Beziehung zwischen dem Ego und dem göttlichen Geist. Die böse Stiefmutter, die für das Ego steht, kann Dornröschen oder Christus in uns in Schlaf versetzen, aber sie kann die Schönheit nicht zerstören. Was von Gott geschaffen ist, bleibt unzerstörbar. Ein Bann, den sie über uns legt und durch den sie die Schönheit in Schlaf versetzt, ist das Unheilvollste, das sie anzurichten vermag. Und das tut sie auch. Aber die Liebe in uns stirbt nicht; sie schläft nur für eine sehr lange Zeit. In jedem Märchen tritt schließlich der Prinz auf. Sein Kuß erinnert uns daran, wer wir sind und warum wir hierherkamen. Der edle Prinz ist der Heilige Geist, und er tritt in verschiedener Gestalt und in unterschiedlichem Gewand auf, um uns mit seiner Liebe zu erwecken. Wenn alle Hoffnung fast entschwunden ist, wenn es so aussieht, als triumphiere das Böse schließlich doch, erscheint unser Retter und nimmt uns in die Arme. Er hat viele Gesichter und viele Namen, und einer davon ist Jesus. Weder ist er ein Götze noch eine Krücke. Er ist unser älterer Bruder. Er ist ein Geschenk.


 

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